Tagebucheintrag von Edith Schiele
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Courtesy Kallir Research Institute, New York
ESDA ID
3487
Nebehay 1979
Nicht gelistet/Not listed
Bestandsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Ort
Neuhaus in Böhmen (Jindřichův Hradec)
Datierung
29.07.1915 (eigenhändig)
Material/Technik
Tinte auf Papier
Maße
24 x 19,5 cm
Transkription
Donnerstag 29. Juli 1915 ½ 11h vormittag
Heute 9h bekam ich ein Telegramm von Egon
d.[ass] er in Lainz im Tierpark ist, und auch
die Verständigung, daß ich 100 Kr[onen] erhalte,
doch bis jetzt ist noch nichts eingetroffen,
kann daher den ½ 12h Zug, der einzige der mich
noch heute nach Wien brächte, wieder nicht
erreichen, dann ist die Summe etwa um
||
30 Kr zu wenig. Die Hotelrechnung macht
beinahe 100 Kr, die Fahrt mit Gepäck u.
diversen Trinkgeldern 20 Kr. Wahrscheinlich
glaubt Egon ich hätte von den 58 Kr noch
genug, doch das ist irrig, mußte ich doch
gleich ihm 10 Kr geben, seiner Mutter 20, [1]
Proviant am Weg, Cigaretten f.[ür] ihn, diverse
Telegramme und sonstige Kleinigkeiten von
die [!] man nichts sieht und hört machen auch
mindest[ens] 15 Kr – sind also schon 45 Kr weg – ich
habe gleich zurück telegr.[afiert] um 30 Kr. – hoffentlich
kommen die 100 sowie die 30 Kr noch heute an
damit ich wenigstens morgen fortfahren kann
– Also noch ein Nachmittag mit dem ich
nicht weiß was beginnen; wohl bin ich von
einem Herrn, der heute eine Wagenpartie
nach Neu Bistritz macht, und hier im Hotel wohnt,
eingeladen worden mitzufahren, doch um keinen Preis der
Welt habe ich mich dazu überreden lassen.
Ich erwarte doch stündlich Nachricht, und dann
bin ich auch für derartige Abenteuer gar
nicht in Stimmung. –
||
Das[s] Egon in Lainz ist, ist ja herrlich, da hat
er ja dann nur einen Sprung nach hause, –
doch schreibt er – im Tierpark, – sollte dort
jetzt Militär einquartiert sein? – Doch ich
werde ja alles noch rechtzeitig erfahren.
Jetzt ist es gleich 12h und noch immer habe ich
kein Geld erhalten, wenn es doch nur heute
ankäme, soll ich denn gar nicht mehr von hier
fortkönnen! Jetzt habe ich Neuhaus schon bis zum
Überdruß satt. Alles wiedert [!] mich hier an, –
meinen [!] Leutnant konnte ich heute endlich sagen
daß er mir doch [durchgestr.: endlich] Ruhe geben soll, –
ein Pardon, – und weggeschlichen ist er wie ein
geprügelter Hund. –, ich glaube jedoch daß er noch
nicht ganz geheilt ist, jetzt im Restaurant (ich habe
das Buch wieder mitgenommen) sitzt er mir vis a vis
und stirt [!] mich ohne Unterlaß schon eine Stunde
unausgesetzt an. – Was sind doch manche
Männer hirnverbrannt, – wahrscheinlich ist
er verrückt.
Könnte ich Egon nur schon sehen!!!
||
Was soll ich nur heute wieder beginnen?! – Das
Beste wäre zu hause bleiben und warten, – doch
werde ich die Ruhe dazu finden! – Ich muß
es ganz einfach. – [durchgestr.: Am] Zum Bahnhof gehe ich heute
auf keinen Fall, – gestern um diese Zeit, dachte
ich, bin ich heute schon längst über alle Berge. – Ich
hab mir das Ende hier schlimm vorgestellt, –
doch so arg doch nicht. – Für mich hat der
Tag statt 12, 48 Stunden, – der Zeiger der
Uhr rückt garnicht vor, – die Zeit scheint
still zu stehen, – mir tut mein Kopf von
all den [!] Grübeln schon so weh, – wenn ich
tags nur schlafen könnte, – (ich kann es ja
kaum Nachts) – heute war ich um 5h Früh
schon fix und fertig angezogen, – es hat
mich nicht länger im Bett geduldet, –
ich komme mir selbst schon unheimlich vor.
– käme doch nur bald das Ende! –
egal wie, – es ist beinahe schon lächerlich
mit diesen [!] grauenvollen Leutnant, er trinkt
nicht, ißt nicht, schaut mir nur fortwährend
||
ins Gesicht, – ob ihm [!] das aber genügend satt
machen wird. – Es ist wirklich zum Lachen, –
einmal seufze ich, einmal wieder er, – beide
wohl aus verschiedenen Gründen. –
Ich gehe jetzt auf mein Zimmer.
Es ist 2h ich habe versucht zu schlafen, doch
es ist ausgesch[l]ossen, – ich kann ganz einfach
nicht, – Meine Nerven sind total kaput[t]. –
Wenn das noch lang dauert, werde ich krank; ich
fühle mich garnicht gut, wohl auch weil ich so wenig
esse, (und doch geht so viel Geld weg.) – Mein armer
Kopf, er tut so weh! ich glaube ich werde noch
trübsinnig; – wer hätte das früher für möglich
gehalten, – früher als ich übergeschäumt bin
vor Lebensmut, und Freude am Dasein. – Helfe
mir doch jemand! – Im Kerker möchte ich mich
nicht anders fühlen, – denn ich komme mir
wahrhaftig vor wie in einen [!] Gefängnis. Abgesondert
und abgeschlossen von der zivilisierten Außenwelt
und keine Möglichkeit des Entkommens. –
150 Kr würden mich retten, so eine winzig kleine
||
Summe, und doch so schwer aufzutreiben.
[Skizze]
Der Teppich in m.[einem]
Zimmer

Reini[n]ghaus [2] wollte doch anfangs
dieser Woche senden und jetzt ist es
bereits Donnerstag, – sollte vielleicht
aus dem Verkauf nichts geworden sein?
Es wäre ein großer Schaden für uns.

Um 3h bekam ich 150 Kr von Mama, [3] –
wieso nur, – war Egon dort!! – wie schrecklich
ich wollte um keinen Preis, d.[ass] sie zu hause
wissen, d.[ass] ich nicht fortfahren kann weil
ich kein Geld hab, – lieber wäre ich noch
14 Tage hier in der Verbannung geblieben.
Hoffentlich holt mich Egon vom Bahnhof
damit er mich aufklärt. Wäre das Geld
nur eine Stunde früher angekommen
hätte ich heute noch (über Iglau) in Wien
sein können, so muß ich warten bis morgen
½ 12h – ich will bis Wien nichts mehr
hier eintragen.
Anmerkungen
[1] Marie Schiele, geb. Soukup (1862–1935).
[2] Carl Reininghaus, Industrieller (1857–1929).
[3] Josefine Harms, geb. Bürzner (1850–1939).
Erfasst in
Vollständige Transkription abgedruckt in:
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Abbildungsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York

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