Tagebucheintrag von Edith Schiele
Courtesy Kallir Research Institute, New York
ESDA ID
3486
Nebehay 1979
Nicht gelistet/Not listed
Bestandsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Ort
Neuhaus in Böhmen (Jindřichův Hradec)
Datierung
28.07.1915 (eigenhändig)
Material/Technik
Tinte auf Papier
Maße
24 x 19,5 cm
Transkription
Mittwoch 28. Juli 1915. ¾ 10h vormittag
Nichts gekommen! – wenn bis ½ 11h immer
noch nichts da, telegr.[afiere] ich an Egon er soll mich
doch von hier erlösen.
Ich bin halb verrückt, jetzt habe ich Geld um
mich satt zu essen, nur jetzt kann ich es nicht,
die Kehle ist mir wie zugeschnürt, ich rauche
||
unmenschlich viel, um mich zu betäuben, –
– könnte ich nur in einen totenähnlichen
Schlaf verfallen, und erst erwachen bis Geld
da ist. – Also habe ich Reini[n]ghaus [1] doch
recht verstanden. – Ich renne in diesen [!]
kleinen Zimmerl, das so viel Erinnerung für
mich birgt, wie wahnsinnig hin und her,
am liebsten möchte ich mit dem Kopf durch
die Wand. – Dabei endloser Regen –
stimmungsvoll, paßt alles zusammen, ich kann
und will nicht fortgehen, – wenn mich
doch nur dieser Leutnant nicht so auf
Schritt und Tritt verfolgen würde, nirgends
kann ich hingehen, dass er [durchgestr.: mir] nicht auf
3 Schritte [durchgestr.: nach] hinter mir ist, würde er mich
nur ansprechen, – könnte ich ihm wenigstens
sagen wie lästig er mir ist. –
Was habe ich denn angestellt d.[ass] ich so hart
bestraft werde, gibt es denn keinen Ausweg
für mich! – Ich fürchte mich schon auf diesen
unendlich langen qualvollen Nachmittag.
||
[geschr. von anderer Hand, vermutl. Adele Harms: 1915]
Heute habe ich auch ein paar Zeilen und ein
Bild von Jenö Farkas erhalten, trotz Verbot
hat er mir wieder geschrieben, doch diesmal
will ich es ihm verzeihen, da der arme Kerl
ins Feld muß. Ob seine schreckliche Ahnung,
daß er nicht mehr wieder kommt, wahr sein
wird, hoffentlich nicht, ich habe ja weiter
kein Interesse an ihm, doch er ist ein ganz
guter Mensch, es wäre sehr schade um ihm [!].
Doch ich habe selbst genug Elend durchzu-
machen, kann mich daher mit anderen
Leuten ihren [!] Jammer nicht befassen.
Was jetzt wohl Egon macht, und wo ist er? Hätte
ich nur von irgendwo bald Nachricht.
Ich gehe jetzt zur Post.
Eben schlägt die Kirchturmuhr 12h. Um diese Zeit war
Egon immer bei mir, das ist ja das Schreckliche, diese
vielen Erinnerung und der Gedanke ich kann ihm [!]
hier nicht sehn, jetzt nicht [durchgestr.: nicht] und später auch nicht.
Was will ich heute nur mit dieser vielen vielen Zeit
beginnen, spazieren gehn kann ich wegen des Regens
||
nicht, zu lesen habe ich nichts, die Zeitungen kommen
erst nachmittags, – so will ich hier bleiben und warten
daß ich endlich erlöst werde, – ob ich es aber nur aus-
halten werde. – Ich habe an Egon und an meine
Leute telegr.[afiert] daß wir heute nicht kommen, die
Armen, sie waren schon so froh, daß wir endlich
kommen, und wieder mußte ich sie enttäuschen.
Es gibt sicher viel schlimmere Dinge zu erleben, als
ich hier durchzumachen habe, doch mich nimmt diese
Sache furchtbar her. Nie noch hab ich echtere Tränen
vergossen als hier nur in Prag, doch hier ist ja alles
noch weit schlimmer, [durchgestr.: da] in Prag hat mich zum Schluss nicht
das Materielle so gepeinigt wie hier. Das[s] ich Geld
bekommen werde ist ja sicher – aber wann. Hoffentlich
bekommt Egon noch heute mein Telegramm und ich
bekomme, wenn schon nicht von wo anders, so wenigstens
von ihm das nötige Kapital. Hab ich erst wieder
eine größere Summe in der Hand, wie will ich dann
sparsam sein, um nie mehr Tage, wie es die
letzten waren, durchzumachen.
Es hat zu regnen aufgehört, jetzt könnte ich fortgehen
aber wohin? Die Plätze wo ich mit Egon gegangen
||
bin, kann ich nicht sehen, – sonst packt mich wieder
aller Jammer, ins Restaurant unten will ich
mich auch nicht setzen, es ist ein so unfreundlicher
Raum, – also wohin mit mir, – ich weiß es, daß
ich es hier im Zimmer nicht mehr lange aushalte.
Wenn ich nur eine manuelle Arbeit hätte – aber
nichts, – weder für Geist noch für Hände kann ich
mir Arbeit verschaffen. – Wenn ich wenigstens
Freude am Essen hätte, doch so genieße ich das
was ich durchaus muß, mit einen [!] unsagbaren
Wiederwillen [!], der sich bis zum Eckel [!] steigert.
Mein einziger Trost sind [durchgestr.: die] Zigaretten, ich glaube
es ist bis jetzt die 8te die ich nehme. – doch ich will
damit aufhören, – erstens kostet es viel Geld, und
zweitens für meinen Zustand höchster seelischer
Not auch gesundheitsschädlich. – Ich weiß
schon was ich mache, – ich gehe wieder [durchgestr.: am] zum
Bahnhof. – Doch dort habe ich auch keine
Ruhe, – dann glaube ich immer es ist mittler
weile etwas im Hotel für mich angekommen, und
es treibt mich wieder nach hause, – doch das
||
macht nichts, – wenigstens vergeht die Zeit und je
mehr die Zeit vergeht, desto näher kommt der
Moment der Befreiung. – Jetzt geht es mir
so, als ich noch ein kleines Schulmädel war, da
hatte ich einmal im Winter einen so wehen
Fuß, der Weg zur Schule war ziemlich weit, ich wäre
umgefallen vor Schmerzen hätte ich mir nicht ge-
dacht, – jeder Schritt bringt mich meinem Ziele
näher, nur nicht stehen bleiben, – gerade so
denke ich jetzt, jede vergangene Minute wird
mir von dieser peinlichen Wartezeit abgerechnet.
Wenn ich dann in Wien mit Egon zusammen sein
werde, werde ich es mir wieder nicht vorstellen
können, daß ich so unter diesen Umständen
gelitten habe. – Das eine aber weiß ich, – ich
habe mir Egon ehrlich verdient, es ist keine
Kleinigkeit was ich jetzt alles durchmachen
muß, doch ich tue ja für ihn alles gerne, ich
will versuchen mich in eine bessere Stimmung
zu bringen, will die Trostlosigkeit abschütteln, –
– und warten.
½ 3h
Der Bahnhof als Beruhigungsmittel, hat
||
heute seine Wirkung verfehlt, mir wurde ganz
besonders elend, wie ich dort so verlassen ge-
sessen bin. Plötzlich hab’ ich mir eingebildet
ich muß immer hier bleiben, niemand will mich
von hier erretten, werde nie mehr Egon und die anderen
sehen. Dieses Gefühl wurde so stark, daß ich
unfähig war noch eine Minute dort zu
bleiben und auf und davon bin, und jetzt bin
ich wieder glücklich hier gelandet. In einer
Stunde will ich wieder fortgehen, – wieder
zum Bahnhof, es ist ein unerklärliches Gefühl,
das mich immer dorthin treibt. Wohl weil
ich Egon dort zum letzten mal gesehn habe und
die Hoffnung hab, es kann ja nicht mehr lange
dauern, bis ich von hier fort kann.
Beim durchblättern dieses Buches, sehe ich daß
das ganze Buch eine ewige Jerimiade [!] vom
allein sein, fort wollen u. dgl. m. [und dergleichen mehr] ist. Als ich die
ersten Zeilen in dies Buch geschrieben habe,
habe ich wohl nicht geglaubt, daß der Inhalt
||
dieses Buches ein derartiger sein wird. –
Doch ich hoffe ja auf bessere Zeiten, und dann
wird Schönes und Freundliches einzutragen sein.
Ich will jetzt Egon einen Brief schreiben und weil ich
nicht weiß wohin ich ihn adressieren sollte will
ich ihn hier eintragen. –
Egon!
Weißt Du wie unendlich lieb ich Dich hab? ich glaube
es ist noch nie ein Mensch so geliebt worden, wie
Du von mir. Daß ich diese große gewaltige Liebe
aufzubringen im Stande bin hätte ich nie für möglich
gehalten, denn ich habe mich immer schon selbst
bedauert nie die Liebe anderer Männer
[Wörter unleserlich durchgestr.] erwidern zu können. Ich dachte
schon dieses Gefühl hätte mir Mutter Natur
nicht mitgegeben, wollte mich schon darein
fügen, – doch dann kamst Du, – und alles
war anders. Daß Du mich lieb hast weiß ich, hab
ich bis jetzt zu fühlen geglaubt, gebe Gott daß
es nie anders wird. Hätte ich Dich jetzt hier oder
könnte ich zu Dir, wie möcht ich Dich küssen –
lang – und innig. Müßte ich mich doch nie
||
nie mehr von Dir trennen, nicht auf die
kürzeste Zeit. – Ich stelle mich Dich so im
Geiste vor, spreche mit Dir, – bekomme aber
keine Antworten, sehe dadurch die fürchter-
liche Wirklichkeit – und weine.
Wenn das Weinen doch nur helfen würde,
doch nachher, (momentan ist es ja eine Er-
leichterung), fühlt man sich sterbenskrank,
– ob Du auch so stark an mich denk[s]t, wie
ich an Dich, meine Gedanken sind seit ich
Dir lebewohl gewinkt habe, unausgesetzt
bei Dir, nichts stört mich in diesen [!] Gedanken-
gang, kein so großes Ereignis gibt es hier
welches mich etwas ablenken würde, ich
wäre froh käme mir auch etwas anderes
im [!] Sinn, das ewige an Dich denken ist es
ja was mich so krank macht, dadurch
wird meine Sehnsucht nach Dir so [durchgestr.: unde]
unendlich groß, – ich meine dann ich
halte es nicht mehr aus, – komme mir schon
wie eine halb Verrückte vor, – auf der Straße
||
ertappe ich mich dabei wie ich zu mir selbst,
resp.[ektive] zu Dir spreche, da erzähle ich Dir immer
wie weh mir ums Herz ist, wie ich leide, wie ich
für Dich sterben möchte, bis ich endlich sehe daß
ich ja auf der Straße bin. Hoffentlich hat mich
noch niemand dabei beobachtet.
Egon, gib Deinen Kopf an meine Wange, – dann
küß mich, – so wie noch nie, – schling Deine Arme
um meinen Hals, – drück mich fest an Dich
– daß ich Dich auch wirklich fühle, – –
(Gott, wie ist es [durchgestr.: dich] doch so wund in meinem Innerem [!].)
leb wohl mein lieber Einziger, würdest Du mein
Gefühl kennen, möchtest Du mich nie mehr
mit irgend einer „scherzhaften“ Verdächtigung
quälen. Wie könnte ich Dich denn betrügen, hab
ja kein Aug und Ohr dafür, – ich sehe
tatsächlich manchmal auf der Straße
nichts, – laufe gerade in einem [!] Wagen, erst
der Schrei der Leute bringt mich wieder zu
mir – und ich sehe dann, daß ich geträumt
habe und glücklich einer Gefahr entronnen bin.
||
Ich schließe die Augen, – und küße Dich! Edith.
Um 4h hat es mich nicht mehr länger zu hause gehalten
ich mußte fort, und jetzt sitze ich im Hotel –
Restaurant bei Cafe, die Zeit die sonst Egon
bei mir war kann ich zu hause überhaupt nicht
aushalten, da denke ich qualvoll an die
wunderschönen Stunden die wir dort zusammen
verleben durften. – Ich will den Briefträger
abwarten, – ob der mir etwas bringen wird?
– Vielleicht irgend eine Verständigung, –
wenn nicht schon Geld selbst. – und dann
geht’s wieder zum Bahnhof, auf den Weg hin
ist mir etwas besser, dann aber das zurück
in die Stadt, – ist furchtbar.
Der Briefträger hat nichts gebracht; – auf Geld ist
heute nicht mehr zu rechnen, – also wieder
eine Nacht allein, – ich war es ja immer, – doch
wüßte ich Egon in meiner Nähe, – da war mir
d.[as] Alleinsein doch nicht so schrecklich
Wenn morgen vormittag nichts kommt? Um
||
Himmels Willen was beginne ich denn da! – Die
Rechnung wird mit jedem Tag um 3 Kr[onen] höher
zum Schluss übersteigt sie 100 Kr – entsetzlich!
Ich gehe jetzt zum Bahnhof. – Doch eben
sehe ich daß es zu regnen beginnt ich will
noch etwas warten. – Es ist doch sonderbar, daß
mich das Schreiben in diesem Buch so sehr beruhigt.
Hätte ich nicht dies Buch, – ich wäre schon längst
verrückt. Nur schade daß ich so garnichts
anderes als dieses ewige Gejammere einzu-
tragen habe. – Der Briefträger hat mir
so gar nichts gebracht, nicht einmal so eine
armseelige [!] Karte von irgend wo und wem. Haben
uns denn alle vergessen, will niemand mehr
etwas von uns wissen, doch dieser „Schmerz“ käme
erst an 9ter Stelle; würde nur sonst alles klappen.
Die freundlichen Grüße der guten Bekannten, hat
sich bewiesen, wie wenig wert die sind. –
– Wenn es nur schon 10 od[er] 11h nachts wäre, die
vorhergehende Zeit überstanden wäre, möchte ich
nur schon schlafen, – heute war ich wieder
um ½ 6h auf – sonderbar früher war ich eine
||
Langschläferin die kein Ereignis der Welt
früher als um 8 od.[er] 9h hat wach werden lassen.
Meine l.[iebe] gute Mama [2] hat doch recht behalten
als sie einmal [darüber: 2] mir [darüber: 1] versicherte, die Sorgen,
bis sie über mich kommen, werden mich schon
zur Frühaufsteherin machen. – Ja jetzt habe
ich sie kennen gelernt, – gebe es Gott – daß
es das erste und letzte mal war.
Die Sonne scheint wieder, – ich gehe zum
Bahnhof.
Jetzt ist es ½ 7h ich sitze im „Stadtpark“ wohl
ganz rückwärts versteckt, damit mich niemand
sieht, und auch ich nicht diese faden Neuhauser.
Am Bahnhof habe ich es nicht länger als eine
¼ Stunde ausgehalten, – doch durch den Weg
hin und her, vergeht auch wieder Zeit und daß
ist ja der Hauptzweck meines spazieren gehens.
Momentan habe ich bisserl mehr Hoffnung
daß ich morgen um ½ 12h wegfahren kann
hoffentlich hält diese Stimmung auch an. Ich
bleibe hier bis 9h sitzen früher kann ich unmöglich
||
nach hause, sonst vermisse ich Egon wieder
so, daß all mein guter Mut bald verschwunden
ist. Es geht hier elend zu schreiben, weil ich
keine rechte Unterlage habe.
Ich hoffe daß das Geld morgen eintrifft, ist doch
das Geld für meinen Ring auch zur rechten
Zeit eingetroffen. Es wäre schrecklich für
Egon gewesen hätte er ohne Kreuzer Geld
ohne etwas Proviant fahren müssen.
Daß Egon Geld hatte, hat mich sehr beruhigt.
Möchte es nur nicht so bald „schmelzen“ von
den ganzen 58 Kr. – habe ich herzlich wenig,
– es sind gleich zu große Summen davon
weg gekommen. Daß ich Egons Mutter [3] die
20 Kr schicken konnte, war mir eine große
Erleichterung.
Froh bin ich, daß das Wetter es erlaubt hier
draußen zu sitzen, – was würde ich sonst
beginnen? – ich weiß es schon, mich vorbereiten
zum wahnsinnig werden.
Ich will jetzt etwas Zeitung lesen.
||
Die Zeit vergeht so langsam, jetzt ist es
erst 8h, ich habe also noch eine Stunde Zeit.
Lesen freut mich nicht mehr, es gibt nicht viel
bemerkenswertes. – Ich verspüre langsam –
– Hunger, ich habe heute im Restaurant
mein ganzes Essen fast unberührt stehen lassen.
nicht weil es nicht gut war, – ich konnte
beim besten Willen keinen Bissen essen, es
tut mir nur um das Geld leid, – abends
will ich es dafür einbringen, mir nur etwas
Wurst kaufen und ein Glas Bier trinken.
Ich sehne den „Morgen“ herbei, – doch
muß er Geld bringen. Sollte vormittag keines
kommen sondern nachmittags will ich nachmittags, trotzdem ich
keinen Anschluß in Wessely habe, von
hier fortfahren, ich über nachte [!] dann in
W.[essely], – denn mein einziger Gedanke ist
– nur fort, fort von hier wo mich alles
an Egon erinnert. – Es wird langsam finster
und kalt, sonderbare Gegend hier, gleich ist es
heiß zum braten, in paar Stunden, durch einen
||
Wetterumschlag so kalt, daß Winterkleidung
angebracht wäre. – Heute habe ich mir eine
Ansichtskarte vom Platz mit Hotel Central,
gekauft, zur ewigen Erinnerung. Wer weiß
ob später einmal, wenn noch bösere Zeiten
eintreffen sollten, man kann es ja nie wissen
die Neuhauser Erinnerung die schlimmste
war. – Von meinen [!] Platz hier kann ich
alle die hier spazieren gehen genau betrachten,
scheinbar ist jetzt „Korso“ hier. Es wimmelt
von Mädels verschiedener Jahrgangs [!]
officieren [!] und einigen Civilisten, Die Allee
in der promeniert wird ist höchsten 2 Minuten
lang, da kommen und gehen die Paare
20–30 mal immer ein und denselben
Weg hin und her – ein zweifelhaftes
Vergnügen! – wie können nur Leute an
dem Gefallen finden, – doch das müssen
glückliche Menschen sein, die den ganzen
Tag auf diese 2–3 Stunden warten, – und nicht
mehr vom Leben verlangen. – Mir [Wörter unleserlich durchgestr.] ist
kalt in Händen und Füßen, – wenn es
||
nur bald 9h wäre, und ich nach hause
gehen könnte, – nach hause! – Oh
guter Gott, würde mein [durchgestr.: nach] zu hause bald
anders aussehen. –
Es ist ¾ 9h ich gehe heim.
½ 10h abends
Ich habe das Gefühl daß ich morgen
von hier fort kann, hoffentlich werde ich
nicht enttäuscht. – Wo Egon nur sein
wird? Wenn er nur nicht weit weg von
Hietzing wäre. – Vielleicht bekomme ich
morgen irgend eine Nachricht von ihm
Wenn wir wieder zusammen sein werden, wie
will ich ihn hegen und pflegen, alles tun
was ich ihm an den Augen ablesen kann
meinen [!] lieben einzigen Duschinka. –
Ich will mich jetzt ausziehn, die übliche
abendliche Toilette machen, – und schlafen
gehen, – erst ein bisserl Zeitunglesen „zum
Zweck“ daß mir die Augen recht müde wer-
den – hoffentlich träume ich Schönes
||
oder garnichts. – Eben bemerke ich zu meinen [!]
großen Schreck, daß ich nicht mehr u. n. [und nicht] weniger als beinahe
17 Blätter heute beschrieben habe, – ich muß
aufhören, sonst schreibe ich heute das Buch
noch aus.
Egon, Lieber Süßer, Gute Nacht, mit dem Ge-
danken an Dich gehe ich schlafen, mit dem
Gedanken an Dich werde ich aufstehen, bei
Tag lebt nichts anderes in mir – als Du
mein Sein ist also erfüllt von Dir – schlaf
gut, – und denke morgen, und höchstens
noch einmal, muß die Sonne aufgehen und
wir sind wieder beisammen. – Leb wohl!
Nichts gekommen! – wenn bis ½ 11h immer
noch nichts da, telegr.[afiere] ich an Egon er soll mich
doch von hier erlösen.
Ich bin halb verrückt, jetzt habe ich Geld um
mich satt zu essen, nur jetzt kann ich es nicht,
die Kehle ist mir wie zugeschnürt, ich rauche
||
unmenschlich viel, um mich zu betäuben, –
– könnte ich nur in einen totenähnlichen
Schlaf verfallen, und erst erwachen bis Geld
da ist. – Also habe ich Reini[n]ghaus [1] doch
recht verstanden. – Ich renne in diesen [!]
kleinen Zimmerl, das so viel Erinnerung für
mich birgt, wie wahnsinnig hin und her,
am liebsten möchte ich mit dem Kopf durch
die Wand. – Dabei endloser Regen –
stimmungsvoll, paßt alles zusammen, ich kann
und will nicht fortgehen, – wenn mich
doch nur dieser Leutnant nicht so auf
Schritt und Tritt verfolgen würde, nirgends
kann ich hingehen, dass er [durchgestr.: mir] nicht auf
3 Schritte [durchgestr.: nach] hinter mir ist, würde er mich
nur ansprechen, – könnte ich ihm wenigstens
sagen wie lästig er mir ist. –
Was habe ich denn angestellt d.[ass] ich so hart
bestraft werde, gibt es denn keinen Ausweg
für mich! – Ich fürchte mich schon auf diesen
unendlich langen qualvollen Nachmittag.
||
[geschr. von anderer Hand, vermutl. Adele Harms: 1915]
Heute habe ich auch ein paar Zeilen und ein
Bild von Jenö Farkas erhalten, trotz Verbot
hat er mir wieder geschrieben, doch diesmal
will ich es ihm verzeihen, da der arme Kerl
ins Feld muß. Ob seine schreckliche Ahnung,
daß er nicht mehr wieder kommt, wahr sein
wird, hoffentlich nicht, ich habe ja weiter
kein Interesse an ihm, doch er ist ein ganz
guter Mensch, es wäre sehr schade um ihm [!].
Doch ich habe selbst genug Elend durchzu-
machen, kann mich daher mit anderen
Leuten ihren [!] Jammer nicht befassen.
Was jetzt wohl Egon macht, und wo ist er? Hätte
ich nur von irgendwo bald Nachricht.
Ich gehe jetzt zur Post.
Eben schlägt die Kirchturmuhr 12h. Um diese Zeit war
Egon immer bei mir, das ist ja das Schreckliche, diese
vielen Erinnerung und der Gedanke ich kann ihm [!]
hier nicht sehn, jetzt nicht [durchgestr.: nicht] und später auch nicht.
Was will ich heute nur mit dieser vielen vielen Zeit
beginnen, spazieren gehn kann ich wegen des Regens
||
nicht, zu lesen habe ich nichts, die Zeitungen kommen
erst nachmittags, – so will ich hier bleiben und warten
daß ich endlich erlöst werde, – ob ich es aber nur aus-
halten werde. – Ich habe an Egon und an meine
Leute telegr.[afiert] daß wir heute nicht kommen, die
Armen, sie waren schon so froh, daß wir endlich
kommen, und wieder mußte ich sie enttäuschen.
Es gibt sicher viel schlimmere Dinge zu erleben, als
ich hier durchzumachen habe, doch mich nimmt diese
Sache furchtbar her. Nie noch hab ich echtere Tränen
vergossen als hier nur in Prag, doch hier ist ja alles
noch weit schlimmer, [durchgestr.: da] in Prag hat mich zum Schluss nicht
das Materielle so gepeinigt wie hier. Das[s] ich Geld
bekommen werde ist ja sicher – aber wann. Hoffentlich
bekommt Egon noch heute mein Telegramm und ich
bekomme, wenn schon nicht von wo anders, so wenigstens
von ihm das nötige Kapital. Hab ich erst wieder
eine größere Summe in der Hand, wie will ich dann
sparsam sein, um nie mehr Tage, wie es die
letzten waren, durchzumachen.
Es hat zu regnen aufgehört, jetzt könnte ich fortgehen
aber wohin? Die Plätze wo ich mit Egon gegangen
||
bin, kann ich nicht sehen, – sonst packt mich wieder
aller Jammer, ins Restaurant unten will ich
mich auch nicht setzen, es ist ein so unfreundlicher
Raum, – also wohin mit mir, – ich weiß es, daß
ich es hier im Zimmer nicht mehr lange aushalte.
Wenn ich nur eine manuelle Arbeit hätte – aber
nichts, – weder für Geist noch für Hände kann ich
mir Arbeit verschaffen. – Wenn ich wenigstens
Freude am Essen hätte, doch so genieße ich das
was ich durchaus muß, mit einen [!] unsagbaren
Wiederwillen [!], der sich bis zum Eckel [!] steigert.
Mein einziger Trost sind [durchgestr.: die] Zigaretten, ich glaube
es ist bis jetzt die 8te die ich nehme. – doch ich will
damit aufhören, – erstens kostet es viel Geld, und
zweitens für meinen Zustand höchster seelischer
Not auch gesundheitsschädlich. – Ich weiß
schon was ich mache, – ich gehe wieder [durchgestr.: am] zum
Bahnhof. – Doch dort habe ich auch keine
Ruhe, – dann glaube ich immer es ist mittler
weile etwas im Hotel für mich angekommen, und
es treibt mich wieder nach hause, – doch das
||
macht nichts, – wenigstens vergeht die Zeit und je
mehr die Zeit vergeht, desto näher kommt der
Moment der Befreiung. – Jetzt geht es mir
so, als ich noch ein kleines Schulmädel war, da
hatte ich einmal im Winter einen so wehen
Fuß, der Weg zur Schule war ziemlich weit, ich wäre
umgefallen vor Schmerzen hätte ich mir nicht ge-
dacht, – jeder Schritt bringt mich meinem Ziele
näher, nur nicht stehen bleiben, – gerade so
denke ich jetzt, jede vergangene Minute wird
mir von dieser peinlichen Wartezeit abgerechnet.
Wenn ich dann in Wien mit Egon zusammen sein
werde, werde ich es mir wieder nicht vorstellen
können, daß ich so unter diesen Umständen
gelitten habe. – Das eine aber weiß ich, – ich
habe mir Egon ehrlich verdient, es ist keine
Kleinigkeit was ich jetzt alles durchmachen
muß, doch ich tue ja für ihn alles gerne, ich
will versuchen mich in eine bessere Stimmung
zu bringen, will die Trostlosigkeit abschütteln, –
– und warten.
½ 3h
Der Bahnhof als Beruhigungsmittel, hat
||
heute seine Wirkung verfehlt, mir wurde ganz
besonders elend, wie ich dort so verlassen ge-
sessen bin. Plötzlich hab’ ich mir eingebildet
ich muß immer hier bleiben, niemand will mich
von hier erretten, werde nie mehr Egon und die anderen
sehen. Dieses Gefühl wurde so stark, daß ich
unfähig war noch eine Minute dort zu
bleiben und auf und davon bin, und jetzt bin
ich wieder glücklich hier gelandet. In einer
Stunde will ich wieder fortgehen, – wieder
zum Bahnhof, es ist ein unerklärliches Gefühl,
das mich immer dorthin treibt. Wohl weil
ich Egon dort zum letzten mal gesehn habe und
die Hoffnung hab, es kann ja nicht mehr lange
dauern, bis ich von hier fort kann.
Beim durchblättern dieses Buches, sehe ich daß
das ganze Buch eine ewige Jerimiade [!] vom
allein sein, fort wollen u. dgl. m. [und dergleichen mehr] ist. Als ich die
ersten Zeilen in dies Buch geschrieben habe,
habe ich wohl nicht geglaubt, daß der Inhalt
||
dieses Buches ein derartiger sein wird. –
Doch ich hoffe ja auf bessere Zeiten, und dann
wird Schönes und Freundliches einzutragen sein.
Ich will jetzt Egon einen Brief schreiben und weil ich
nicht weiß wohin ich ihn adressieren sollte will
ich ihn hier eintragen. –
Egon!
Weißt Du wie unendlich lieb ich Dich hab? ich glaube
es ist noch nie ein Mensch so geliebt worden, wie
Du von mir. Daß ich diese große gewaltige Liebe
aufzubringen im Stande bin hätte ich nie für möglich
gehalten, denn ich habe mich immer schon selbst
bedauert nie die Liebe anderer Männer
[Wörter unleserlich durchgestr.] erwidern zu können. Ich dachte
schon dieses Gefühl hätte mir Mutter Natur
nicht mitgegeben, wollte mich schon darein
fügen, – doch dann kamst Du, – und alles
war anders. Daß Du mich lieb hast weiß ich, hab
ich bis jetzt zu fühlen geglaubt, gebe Gott daß
es nie anders wird. Hätte ich Dich jetzt hier oder
könnte ich zu Dir, wie möcht ich Dich küssen –
lang – und innig. Müßte ich mich doch nie
||
nie mehr von Dir trennen, nicht auf die
kürzeste Zeit. – Ich stelle mich Dich so im
Geiste vor, spreche mit Dir, – bekomme aber
keine Antworten, sehe dadurch die fürchter-
liche Wirklichkeit – und weine.
Wenn das Weinen doch nur helfen würde,
doch nachher, (momentan ist es ja eine Er-
leichterung), fühlt man sich sterbenskrank,
– ob Du auch so stark an mich denk[s]t, wie
ich an Dich, meine Gedanken sind seit ich
Dir lebewohl gewinkt habe, unausgesetzt
bei Dir, nichts stört mich in diesen [!] Gedanken-
gang, kein so großes Ereignis gibt es hier
welches mich etwas ablenken würde, ich
wäre froh käme mir auch etwas anderes
im [!] Sinn, das ewige an Dich denken ist es
ja was mich so krank macht, dadurch
wird meine Sehnsucht nach Dir so [durchgestr.: unde]
unendlich groß, – ich meine dann ich
halte es nicht mehr aus, – komme mir schon
wie eine halb Verrückte vor, – auf der Straße
||
ertappe ich mich dabei wie ich zu mir selbst,
resp.[ektive] zu Dir spreche, da erzähle ich Dir immer
wie weh mir ums Herz ist, wie ich leide, wie ich
für Dich sterben möchte, bis ich endlich sehe daß
ich ja auf der Straße bin. Hoffentlich hat mich
noch niemand dabei beobachtet.
Egon, gib Deinen Kopf an meine Wange, – dann
küß mich, – so wie noch nie, – schling Deine Arme
um meinen Hals, – drück mich fest an Dich
– daß ich Dich auch wirklich fühle, – –
(Gott, wie ist es [durchgestr.: dich] doch so wund in meinem Innerem [!].)
leb wohl mein lieber Einziger, würdest Du mein
Gefühl kennen, möchtest Du mich nie mehr
mit irgend einer „scherzhaften“ Verdächtigung
quälen. Wie könnte ich Dich denn betrügen, hab
ja kein Aug und Ohr dafür, – ich sehe
tatsächlich manchmal auf der Straße
nichts, – laufe gerade in einem [!] Wagen, erst
der Schrei der Leute bringt mich wieder zu
mir – und ich sehe dann, daß ich geträumt
habe und glücklich einer Gefahr entronnen bin.
||
Ich schließe die Augen, – und küße Dich! Edith.
Um 4h hat es mich nicht mehr länger zu hause gehalten
ich mußte fort, und jetzt sitze ich im Hotel –
Restaurant bei Cafe, die Zeit die sonst Egon
bei mir war kann ich zu hause überhaupt nicht
aushalten, da denke ich qualvoll an die
wunderschönen Stunden die wir dort zusammen
verleben durften. – Ich will den Briefträger
abwarten, – ob der mir etwas bringen wird?
– Vielleicht irgend eine Verständigung, –
wenn nicht schon Geld selbst. – und dann
geht’s wieder zum Bahnhof, auf den Weg hin
ist mir etwas besser, dann aber das zurück
in die Stadt, – ist furchtbar.
Der Briefträger hat nichts gebracht; – auf Geld ist
heute nicht mehr zu rechnen, – also wieder
eine Nacht allein, – ich war es ja immer, – doch
wüßte ich Egon in meiner Nähe, – da war mir
d.[as] Alleinsein doch nicht so schrecklich
Wenn morgen vormittag nichts kommt? Um
||
Himmels Willen was beginne ich denn da! – Die
Rechnung wird mit jedem Tag um 3 Kr[onen] höher
zum Schluss übersteigt sie 100 Kr – entsetzlich!
Ich gehe jetzt zum Bahnhof. – Doch eben
sehe ich daß es zu regnen beginnt ich will
noch etwas warten. – Es ist doch sonderbar, daß
mich das Schreiben in diesem Buch so sehr beruhigt.
Hätte ich nicht dies Buch, – ich wäre schon längst
verrückt. Nur schade daß ich so garnichts
anderes als dieses ewige Gejammere einzu-
tragen habe. – Der Briefträger hat mir
so gar nichts gebracht, nicht einmal so eine
armseelige [!] Karte von irgend wo und wem. Haben
uns denn alle vergessen, will niemand mehr
etwas von uns wissen, doch dieser „Schmerz“ käme
erst an 9ter Stelle; würde nur sonst alles klappen.
Die freundlichen Grüße der guten Bekannten, hat
sich bewiesen, wie wenig wert die sind. –
– Wenn es nur schon 10 od[er] 11h nachts wäre, die
vorhergehende Zeit überstanden wäre, möchte ich
nur schon schlafen, – heute war ich wieder
um ½ 6h auf – sonderbar früher war ich eine
||
Langschläferin die kein Ereignis der Welt
früher als um 8 od.[er] 9h hat wach werden lassen.
Meine l.[iebe] gute Mama [2] hat doch recht behalten
als sie einmal [darüber: 2] mir [darüber: 1] versicherte, die Sorgen,
bis sie über mich kommen, werden mich schon
zur Frühaufsteherin machen. – Ja jetzt habe
ich sie kennen gelernt, – gebe es Gott – daß
es das erste und letzte mal war.
Die Sonne scheint wieder, – ich gehe zum
Bahnhof.
Jetzt ist es ½ 7h ich sitze im „Stadtpark“ wohl
ganz rückwärts versteckt, damit mich niemand
sieht, und auch ich nicht diese faden Neuhauser.
Am Bahnhof habe ich es nicht länger als eine
¼ Stunde ausgehalten, – doch durch den Weg
hin und her, vergeht auch wieder Zeit und daß
ist ja der Hauptzweck meines spazieren gehens.
Momentan habe ich bisserl mehr Hoffnung
daß ich morgen um ½ 12h wegfahren kann
hoffentlich hält diese Stimmung auch an. Ich
bleibe hier bis 9h sitzen früher kann ich unmöglich
||
nach hause, sonst vermisse ich Egon wieder
so, daß all mein guter Mut bald verschwunden
ist. Es geht hier elend zu schreiben, weil ich
keine rechte Unterlage habe.
Ich hoffe daß das Geld morgen eintrifft, ist doch
das Geld für meinen Ring auch zur rechten
Zeit eingetroffen. Es wäre schrecklich für
Egon gewesen hätte er ohne Kreuzer Geld
ohne etwas Proviant fahren müssen.
Daß Egon Geld hatte, hat mich sehr beruhigt.
Möchte es nur nicht so bald „schmelzen“ von
den ganzen 58 Kr. – habe ich herzlich wenig,
– es sind gleich zu große Summen davon
weg gekommen. Daß ich Egons Mutter [3] die
20 Kr schicken konnte, war mir eine große
Erleichterung.
Froh bin ich, daß das Wetter es erlaubt hier
draußen zu sitzen, – was würde ich sonst
beginnen? – ich weiß es schon, mich vorbereiten
zum wahnsinnig werden.
Ich will jetzt etwas Zeitung lesen.
||
Die Zeit vergeht so langsam, jetzt ist es
erst 8h, ich habe also noch eine Stunde Zeit.
Lesen freut mich nicht mehr, es gibt nicht viel
bemerkenswertes. – Ich verspüre langsam –
– Hunger, ich habe heute im Restaurant
mein ganzes Essen fast unberührt stehen lassen.
nicht weil es nicht gut war, – ich konnte
beim besten Willen keinen Bissen essen, es
tut mir nur um das Geld leid, – abends
will ich es dafür einbringen, mir nur etwas
Wurst kaufen und ein Glas Bier trinken.
Ich sehne den „Morgen“ herbei, – doch
muß er Geld bringen. Sollte vormittag keines
kommen sondern nachmittags will ich nachmittags, trotzdem ich
keinen Anschluß in Wessely habe, von
hier fortfahren, ich über nachte [!] dann in
W.[essely], – denn mein einziger Gedanke ist
– nur fort, fort von hier wo mich alles
an Egon erinnert. – Es wird langsam finster
und kalt, sonderbare Gegend hier, gleich ist es
heiß zum braten, in paar Stunden, durch einen
||
Wetterumschlag so kalt, daß Winterkleidung
angebracht wäre. – Heute habe ich mir eine
Ansichtskarte vom Platz mit Hotel Central,
gekauft, zur ewigen Erinnerung. Wer weiß
ob später einmal, wenn noch bösere Zeiten
eintreffen sollten, man kann es ja nie wissen
die Neuhauser Erinnerung die schlimmste
war. – Von meinen [!] Platz hier kann ich
alle die hier spazieren gehen genau betrachten,
scheinbar ist jetzt „Korso“ hier. Es wimmelt
von Mädels verschiedener Jahrgangs [!]
officieren [!] und einigen Civilisten, Die Allee
in der promeniert wird ist höchsten 2 Minuten
lang, da kommen und gehen die Paare
20–30 mal immer ein und denselben
Weg hin und her – ein zweifelhaftes
Vergnügen! – wie können nur Leute an
dem Gefallen finden, – doch das müssen
glückliche Menschen sein, die den ganzen
Tag auf diese 2–3 Stunden warten, – und nicht
mehr vom Leben verlangen. – Mir [Wörter unleserlich durchgestr.] ist
kalt in Händen und Füßen, – wenn es
||
nur bald 9h wäre, und ich nach hause
gehen könnte, – nach hause! – Oh
guter Gott, würde mein [durchgestr.: nach] zu hause bald
anders aussehen. –
Es ist ¾ 9h ich gehe heim.
½ 10h abends
Ich habe das Gefühl daß ich morgen
von hier fort kann, hoffentlich werde ich
nicht enttäuscht. – Wo Egon nur sein
wird? Wenn er nur nicht weit weg von
Hietzing wäre. – Vielleicht bekomme ich
morgen irgend eine Nachricht von ihm
Wenn wir wieder zusammen sein werden, wie
will ich ihn hegen und pflegen, alles tun
was ich ihm an den Augen ablesen kann
meinen [!] lieben einzigen Duschinka. –
Ich will mich jetzt ausziehn, die übliche
abendliche Toilette machen, – und schlafen
gehen, – erst ein bisserl Zeitunglesen „zum
Zweck“ daß mir die Augen recht müde wer-
den – hoffentlich träume ich Schönes
||
oder garnichts. – Eben bemerke ich zu meinen [!]
großen Schreck, daß ich nicht mehr u. n. [und nicht] weniger als beinahe
17 Blätter heute beschrieben habe, – ich muß
aufhören, sonst schreibe ich heute das Buch
noch aus.
Egon, Lieber Süßer, Gute Nacht, mit dem Ge-
danken an Dich gehe ich schlafen, mit dem
Gedanken an Dich werde ich aufstehen, bei
Tag lebt nichts anderes in mir – als Du
mein Sein ist also erfüllt von Dir – schlaf
gut, – und denke morgen, und höchstens
noch einmal, muß die Sonne aufgehen und
wir sind wieder beisammen. – Leb wohl!
Anmerkungen
[1] Carl Reininghaus, Industrieller (1857–1929).
[2] Josefine Harms, geb. Bürzner (1850–1939).
[3] Marie Schiele, geb. Soukup (1862–1935).
[2] Josefine Harms, geb. Bürzner (1850–1939).
[3] Marie Schiele, geb. Soukup (1862–1935).
Erfasst in
Vollständige Transkription abgedruckt in:
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
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Courtesy Kallir Research Institute, New York
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