Tagebucheintrag von Edith Schiele
Courtesy Kallir Research Institute, New York
ESDA ID
3488
Nebehay 1979
Nicht gelistet/Not listed
Bestandsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Ort
Wien
Datierung
16.08.1915 (eigenhändig)
Material/Technik
Tinte auf Papier
Maße
24 x 19,5 cm
Transkription
Montag 16. Aug. 1915
Von Donnerstag den 29. Juli bis heute hatte
ich weder Zeit noch Lust hier etwas einzutragen.
Doch will ich alles Nennenswerte nachtragen.
Endlich Freitag 30. Juli konnte ich von Neuhaus
fortfahren – abends hat mich Egon vom
Bahnhof abgeholt, haben dann bei Rode
nachtmahl gegessen und sind um 10h nach
Hietzing gefahren. Groß war das Erstaunen
meiner Leute mich schon Freitag abends
zusehn [!], hatte ich mich doch erst für
Samstag vormittag angesagt. – Die
nächsten Tage wurde fleißig im Atelier
Ordnung gemacht, bis es endlich ganz
wohnlich wurde. – An einem Dienstfreien
nachmittag fuhren wir nach Baden, Herrn
Böhlers [1] Freundlichkeit ist äußerlich die
Alte geblieben, – doch innerlich? – jetzt
läßt er wieder so garnichts von sich hören.
Es ist doch ein Jammer daß man sich auf
Leute dieser Sorte auch nicht verlassen
kann.
||
Vorigen Montag hat Egon 5 große
Bilder und eine Menge Zeichnungen
zu Herrn Arnot in die Ausstellung [2]
geschickt, – vielleicht haben wir
Glück und es verkauft sich etwas. –
– Seit Donnerstag [5. August] ist Egon zu hause.
Der Arzt hat i[h]m 8 Tage erlaubt zu
hause zu bleiben; hoffentlich dauert
es nicht lange und Egon wird ganz vom
Militär befreit, irgendeine Art wird
sich schon finden, damit er los kommt.
Jetzt konnte er künstlerisch so enorm
viel leisten, und gerade jetzt ist er so
gefesselt. – Vor ein paar Tagen hat
Egon mein Portrait begonnen, [3] wenn
er so fleißig weiter macht ist es in
kurzer Zeit vollendet. – Es wird aus-
gezeichnet gut, – wenn das Bild aus-
gestellt werden kann wird es sicherlich
große Beachtung finden. –
Schade daß Egon nicht hinaus kann
||
etwas frische Luft würde uns beiden gut
tun.
Von Donnerstag den 29. Juli bis heute hatte
ich weder Zeit noch Lust hier etwas einzutragen.
Doch will ich alles Nennenswerte nachtragen.
Endlich Freitag 30. Juli konnte ich von Neuhaus
fortfahren – abends hat mich Egon vom
Bahnhof abgeholt, haben dann bei Rode
nachtmahl gegessen und sind um 10h nach
Hietzing gefahren. Groß war das Erstaunen
meiner Leute mich schon Freitag abends
zusehn [!], hatte ich mich doch erst für
Samstag vormittag angesagt. – Die
nächsten Tage wurde fleißig im Atelier
Ordnung gemacht, bis es endlich ganz
wohnlich wurde. – An einem Dienstfreien
nachmittag fuhren wir nach Baden, Herrn
Böhlers [1] Freundlichkeit ist äußerlich die
Alte geblieben, – doch innerlich? – jetzt
läßt er wieder so garnichts von sich hören.
Es ist doch ein Jammer daß man sich auf
Leute dieser Sorte auch nicht verlassen
kann.
||
Vorigen Montag hat Egon 5 große
Bilder und eine Menge Zeichnungen
zu Herrn Arnot in die Ausstellung [2]
geschickt, – vielleicht haben wir
Glück und es verkauft sich etwas. –
– Seit Donnerstag [5. August] ist Egon zu hause.
Der Arzt hat i[h]m 8 Tage erlaubt zu
hause zu bleiben; hoffentlich dauert
es nicht lange und Egon wird ganz vom
Militär befreit, irgendeine Art wird
sich schon finden, damit er los kommt.
Jetzt konnte er künstlerisch so enorm
viel leisten, und gerade jetzt ist er so
gefesselt. – Vor ein paar Tagen hat
Egon mein Portrait begonnen, [3] wenn
er so fleißig weiter macht ist es in
kurzer Zeit vollendet. – Es wird aus-
gezeichnet gut, – wenn das Bild aus-
gestellt werden kann wird es sicherlich
große Beachtung finden. –
Schade daß Egon nicht hinaus kann
||
etwas frische Luft würde uns beiden gut
tun.
Anmerkungen
[1] Heinrich Böhler (1881–1940).
[2] Guido Arnot, Kunsthändler (1876–1946); Kollektivausstellung, Galerie Arnot, Wien, August–September 1915.
[3] Bildnis der Frau des Künstlers, stehend, 1915, K P290.
[2] Guido Arnot, Kunsthändler (1876–1946); Kollektivausstellung, Galerie Arnot, Wien, August–September 1915.
[3] Bildnis der Frau des Künstlers, stehend, 1915, K P290.
Erfasst in
Vollständige Transkription abgedruckt in:
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Eigentümer*in
Autor*in
Erwähnte Person
Abbildungsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Verknüpfte Objekte
Ausstellungen
-
KollektivausstellungGalerie Arnot, Wien, August–September 1915
PURL: https://www.egonschiele.at/3488