Tagebucheintrag von Edith Schiele
Courtesy Kallir Research Institute, New York
ESDA ID
3485
Nebehay 1979
Nicht gelistet/Not listed
Bestandsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Ort
Neuhaus in Böhmen (Jindřichův Hradec)
Datierung
27.07.1915 (eigenhändig)
Material/Technik
Tinte auf Papier
Maße
24 x 19,5 cm
Transkription
Dienstag 27 Juli 1915 9h abends
Endlich heute wurde es wahr, der Transport
hat sich abgewickelt. Ich bin jetzt allein
hier, hoffentlich habe ich morgen Mittel ge-
nug um nach fahren zu können. Ich war
in Prag auch allein, aber so verlassen wie
hier, bin ich mir nicht vorgekommen, ich
||
bin wieder in dieser Stimmung als Egon am
21. Juni von mir gegangen ist, die Sehnsucht
die packt mich manchmal so, daß ich mir
derartig Vernunft zureden muß, sonst bekäme
ich allerlei Zustände.
Ich war nicht weniger als 5 mal am Bahnhof,
der einzige Ort wo es mich geduldet hat,
dabei habe ich mir vorgestellt ich warte
auf den Zug der mich nach Wien bringen
soll, und es wurde mir bisserl leichter dabei.
Mein kleines Kinderl geht mir so ab, er hätte
nicht die letzte Nacht bei mir schlafen sollen
jetzt empfinde ich das Allein sein doppelt.
Jetzt ist es genau 9h 10 m.[inuten] wenn der Zug richtig
gefahren ist, ist Egon jetzt in Wien! – und
ich sitz hier allein, nur mit meiner Sehnsucht
nach ihm, bang ist mir wie noch nie, es ist
ein häßliches Gefühl, – wenn nur jemand
Erbarmen hätte und bewußtes schicken würde.
In Prag war es bedeutend besser, hier ist das
ganze Milieu so trostlos, es wirkt so auf mich
d.[ass] ich glaube es hier nicht aushalten zu können
||
doch was nützt das alles, durch mein Lamentieren
wird es nicht besser.
Hoffentlich sehe ich Egon gleich an den [!] Abend
wenn ich ankomme, ich halte es ohne ihm [!]
ja garnicht mehr aus – Meine Füße habe
ich mir so müd gelaufen, durch d.[as] zum Bahn-
hof hin und her, daß ich mich kaum
rühren kann, und trotzdem bin ich nicht so
müde um schlafen zu können, – hoffentlich
ist dies meine letzte Nacht hier.
Schatzing ich geb Dir ein gute Nacht busserl so
innig und schön wie noch nie, – ich hab Dich
ja so lieb!!
Endlich heute wurde es wahr, der Transport
hat sich abgewickelt. Ich bin jetzt allein
hier, hoffentlich habe ich morgen Mittel ge-
nug um nach fahren zu können. Ich war
in Prag auch allein, aber so verlassen wie
hier, bin ich mir nicht vorgekommen, ich
||
bin wieder in dieser Stimmung als Egon am
21. Juni von mir gegangen ist, die Sehnsucht
die packt mich manchmal so, daß ich mir
derartig Vernunft zureden muß, sonst bekäme
ich allerlei Zustände.
Ich war nicht weniger als 5 mal am Bahnhof,
der einzige Ort wo es mich geduldet hat,
dabei habe ich mir vorgestellt ich warte
auf den Zug der mich nach Wien bringen
soll, und es wurde mir bisserl leichter dabei.
Mein kleines Kinderl geht mir so ab, er hätte
nicht die letzte Nacht bei mir schlafen sollen
jetzt empfinde ich das Allein sein doppelt.
Jetzt ist es genau 9h 10 m.[inuten] wenn der Zug richtig
gefahren ist, ist Egon jetzt in Wien! – und
ich sitz hier allein, nur mit meiner Sehnsucht
nach ihm, bang ist mir wie noch nie, es ist
ein häßliches Gefühl, – wenn nur jemand
Erbarmen hätte und bewußtes schicken würde.
In Prag war es bedeutend besser, hier ist das
ganze Milieu so trostlos, es wirkt so auf mich
d.[ass] ich glaube es hier nicht aushalten zu können
||
doch was nützt das alles, durch mein Lamentieren
wird es nicht besser.
Hoffentlich sehe ich Egon gleich an den [!] Abend
wenn ich ankomme, ich halte es ohne ihm [!]
ja garnicht mehr aus – Meine Füße habe
ich mir so müd gelaufen, durch d.[as] zum Bahn-
hof hin und her, daß ich mich kaum
rühren kann, und trotzdem bin ich nicht so
müde um schlafen zu können, – hoffentlich
ist dies meine letzte Nacht hier.
Schatzing ich geb Dir ein gute Nacht busserl so
innig und schön wie noch nie, – ich hab Dich
ja so lieb!!
Erfasst in
Vollständige Transkription abgedruckt in:
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Eigentümer*in
Autor*in
Erwähnte Person
Abbildungsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Verknüpfte Objekte
PURL: https://www.egonschiele.at/3485