Tagebucheintrag von Edith Schiele
Tagebucheintrag von Edith Schiele Bild 1
Tagebucheintrag von Edith Schiele Bild 2
Courtesy Kallir Research Institute, New York
ESDA ID
3466
Nebehay 1979
Nicht gelistet/Not listed
Bestandsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Ort
Neuhaus in Böhmen (Jindřichův Hradec)
Datierung
02.07.1915 (eigenhändig)
Material/Technik
Tinte auf Papier
Maße
24 x 19,5 cm
Transkription
Freitag 2. Juli 1915. 11h vormittag
Um ½ 10h vormittag hat mich Egon überrascht, –
wie hab’ ich mich gefreut, – doch die Freude war nur
kurz, – er mußte nach einer ¼ Stunde wieder fort –
auf einen „geschäftlichen“ Weg hat er einen Sprung zu
mir gemacht, – der liebe Kerl. Wird er bis ½ 6h
nicht bei mir hier sein, – will ich wieder zu ihm
– hoffentlich ist der Kasernenarrest schon zu Ende.
10h abends
Es war also nichts mit dem fortgehen. – Und wer weiß
wie lange noch, – ich hab so schrecklich Angst
Egon wird krank, – nicht daß er so aussieht – nein –
aber die körperlichen und seelischen Entbehrungen
werden ihn, – wenn d.[as] so weiter geht, – ganz zu
Grunde richten. – Möchten wir nur bald einen Aus-
||
weg wissen, wie Egon von hier fort kann. Hoffentlich
schreibt morgen Farkas oder Peschka. [1]
Ich hab’ heute so unendliche Sehnsucht nach Egon
die hab’ ich ja eigentlich immer, – aber heute
packt es mich ganz besonders, – ich denke dabei
nicht etwa an gewisse Gefühle – nach dem
Menschen sehne ich mich – ich kann es mir
nicht vorstellen wieder Tag und Nacht mit ihm
zusammen zu sein. – Es wird zu schön sein –
wir wollen immer treu zusammen halten uns nie
durch irgend etwas dann das zusammen sein trüben,
wir werden dann daran denken wie schrecklich es
war, – als wir so auseinander gerissen wurden.
Leb wohl Egon, schlaf heute – denke nicht zu viel an das
unabänderliche (wenigstens für jetzt) – weine mir um
Gottes Willen nicht, – sonst ertrage ich dies alles nicht
wenn ich sehe, – daß auch Du den Mut verlierst.
Schlafe – ich will es auch versuchen, – mit den
Gedanken an Dich!
Anmerkungen
[1] Jenő (Eugen) Farkas, Bekannter von Egon und Edith Schiele; Anton Peschka (1885–1940).
Erfasst in
Vollständige Transkription abgedruckt in:
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Abbildungsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York

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PURL: https://www.egonschiele.at/3466