Tagebucheintrag von Edith Schiele
Courtesy Kallir Research Institute, New York
ESDA ID
3467
Nebehay 1979
Nicht gelistet/Not listed
Bestandsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Ort
Neuhaus in Böhmen (Jindřichův Hradec)
Datierung
03.07.1915 (eigenhändig)
Material/Technik
Tinte auf Papier
Maße
24 x 19,5 cm
Transkription
Samstag 3. Juli 1915.
Es ist ¼ 12h nachts, – und ich kann nicht schlafen!
Der heutigen [!] Tag gehört mit zu den bösesten. – Wieder
nicht die 1ne Stunde Freiheit, – für Egon –. Noch immer
wegen diesen [!] Scheusal, das sich Mensch nennen will, diesen
entsetzlichen Kasernenarrest. – Ich will morgen versuchen
mit Oberst Neumann bekannt zu werden, – vielleicht gelingt
es mir durch eine Bitte die Situation zu ändern, – wenn
ich nur dieses Mannes habhaft werden könnte; ich
will die Hoffnung nicht aufgeben, – das[s] dieses
schreckliche Leben für mich, – und hauptsächlich
für Egon sich bald ändern wird.
Mein armer Kerl war heute wieder so verzweifelt,
wenn ich ihn nur bei guten [!] Mut erhalten könnte, ich
will es so gut als möglich machen, – ich spreche
ihm Trost zu, – eigentlich konnte ich selbst welchen
brauchen, – ich sitze hier so allein, – nur mit
meiner Sehnsucht nach ihm, – und es wird mir so
elend, – wenn ich die ganze Lage überdenke.
Ich werde heute nacht wenig oder garnicht
schlafen können; – unten – im Restaurant feiern
||
Tschechische Einjährige irgend ein Fest, johlen
und singen dabei, wie – Kutscher. –
Dieser Gesang ist schrecklich, – auch das muß
noch sein, – es ist zum rasend werden, – wenn
die nur bald Schluß machen wollten – sonst
gehe ich mitten in der Nacht auf und davon.
– – –
Ich will jetzt zu Bett gehen, meinen Kopf fest
unter die Decke stecken, – nichts hören und nur
denken, – morgen wird es besser sein. –
Hoffentlich behalte ich recht.
Gute Nacht Egon, – es ist immer bei Dir Deine Edith –
ich fühle und leide mit Dir, – wie kein zweiter Mensch
es je können wird. – Mein ganzes Denken gehört Dir.
Ob Du jetzt schläfst? – Ich will es glauben, – sonst
würde auch ich keine Ruhe finden können.
Ich drücke im Gedanken Dein liebes gutes Gesicht
an meine Wange – küsse Dich – und hab’ Dich
unendlich lieb!
Es ist ¼ 12h nachts, – und ich kann nicht schlafen!
Der heutigen [!] Tag gehört mit zu den bösesten. – Wieder
nicht die 1ne Stunde Freiheit, – für Egon –. Noch immer
wegen diesen [!] Scheusal, das sich Mensch nennen will, diesen
entsetzlichen Kasernenarrest. – Ich will morgen versuchen
mit Oberst Neumann bekannt zu werden, – vielleicht gelingt
es mir durch eine Bitte die Situation zu ändern, – wenn
ich nur dieses Mannes habhaft werden könnte; ich
will die Hoffnung nicht aufgeben, – das[s] dieses
schreckliche Leben für mich, – und hauptsächlich
für Egon sich bald ändern wird.
Mein armer Kerl war heute wieder so verzweifelt,
wenn ich ihn nur bei guten [!] Mut erhalten könnte, ich
will es so gut als möglich machen, – ich spreche
ihm Trost zu, – eigentlich konnte ich selbst welchen
brauchen, – ich sitze hier so allein, – nur mit
meiner Sehnsucht nach ihm, – und es wird mir so
elend, – wenn ich die ganze Lage überdenke.
Ich werde heute nacht wenig oder garnicht
schlafen können; – unten – im Restaurant feiern
||
Tschechische Einjährige irgend ein Fest, johlen
und singen dabei, wie – Kutscher. –
Dieser Gesang ist schrecklich, – auch das muß
noch sein, – es ist zum rasend werden, – wenn
die nur bald Schluß machen wollten – sonst
gehe ich mitten in der Nacht auf und davon.
– – –
Ich will jetzt zu Bett gehen, meinen Kopf fest
unter die Decke stecken, – nichts hören und nur
denken, – morgen wird es besser sein. –
Hoffentlich behalte ich recht.
Gute Nacht Egon, – es ist immer bei Dir Deine Edith –
ich fühle und leide mit Dir, – wie kein zweiter Mensch
es je können wird. – Mein ganzes Denken gehört Dir.
Ob Du jetzt schläfst? – Ich will es glauben, – sonst
würde auch ich keine Ruhe finden können.
Ich drücke im Gedanken Dein liebes gutes Gesicht
an meine Wange – küsse Dich – und hab’ Dich
unendlich lieb!
Erfasst in
Vollständige Transkription abgedruckt in:
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Eigentümer*in
Autor*in
Erwähnte Person
Abbildungsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Verknüpfte Objekte
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