Tagebucheintrag von Edith Schiele
Tagebucheintrag von Edith Schiele Bild 1
Tagebucheintrag von Edith Schiele Bild 2
Courtesy Kallir Research Institute, New York
ESDA ID
3457
Nebehay 1979
Nicht gelistet/Not listed
Bestandsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Ort
Prag
Datierung
22.06.1915 (eigenhändig)
Material/Technik
Tinte auf Papier
Maße
24 x 19,5 cm
Transkription
Dienstag 22. Juni 1915. Mittag
Also Tag und Nacht wären übertaucht.
Noch einmal so lang als es gedauert hat
und ich hab’ meinen Schatz wieder! Ich
kann es mir garnicht ausdenken wie schön das
sein wird.
Warum ist das Schicksal so grausam – mich
so weg zu reißen von meinem Ein und Alles – was
ich tu’ und laß ist ja alles nur für ihn –
für den ich leb’ und stirb [!]!

¾ 10h abends.
Was alles habe ich heute erleben, erfahren müssen.
Endlich war es uns gelungen einander zu sehn,
mein armer geliebter Egon eingesperrt unter einer
Horde Menschen, die jeder Beschreibung spotten!
Und das alles soll vielleicht bis Ende dieser Woche
dauern! Warum behandelt man meinen guten
lieben Egon so hart, hinter Gittern weit weg von
einander, darf man hie und da ein paar
||
Worte wechseln. Staub, Schmutz – Gestank – das ist
seine Umgebung.
Etwas leichter war mir ja doch weil ich ihn ja nur
gesehn habe. Ich habe ihn ja immer geliebt,
unendlich, – aber jetzt weiß ich erst d.[ass] es für mich
ein Leben ohne Egon nicht mehr gibt. Er ist für mich
unentbehrlich, ich bin ganz krank und schwach weil
ich ihn nicht um mich haben kann.
Wäre es nur schon nächste Woche – wo wir uns dann
wieder haben, – die Tränen treten mir in die Augen
vor Freude ihn wieder an mich zu drücken –
ich will immer lieb und gut zu ihm sein als Dank
daß ich ihn nur habe.
Ich könnte noch viel der Eindrücke schreiben,
doch ich muß morgen früh sehr früh (um ½ 7h)
bei Egon sein, und da will ich mich durch ein
paar Stunden Schlaf etwas erholen.
Erfasst in
Vollständige Transkription abgedruckt in:
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Erwähnte Person
Abbildungsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York

Verknüpfte Objekte

PURL: https://www.egonschiele.at/3457