Tagebucheintrag von Edith Schiele
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Courtesy Kallir Research Institute, New York
ESDA ID
3458
Nebehay 1979
Nicht gelistet/Not listed
Bestandsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Ort
Prag
Datierung
23.06.1915 (eigenhändig)
Material/Technik
Tinte auf Papier
Maße
24 x 19,5 cm
Transkription
Mittwoch 23. Juni 1915.
Um Schlag 4h war ich aus dem Bett, um 5h
wollte ich bereits zu Egon fahren, mußte bis 6h
auf einen elektrischen Wagen warten und war dann
um ½ 7h bei dem „Zwinger“ konnte aber nicht,
wie Egon meinte, ihn zur Präsentierung fahren sehen
weil selbe sich im Gebäude erledigt hat.
Bis 12h habe ich das Warten nicht aufgegeben,
dann aber mußte ich nach Hause fahren, erstens
meinen Magen beruhigen, denn ich hatte absolut
nichts gegessen, und dann auch nach sehn ob die
erwünschte Post angekommen ist. War jedoch wieder
nichts und ich bin deswegen sehr beunruhigt.
Habe nachmittag Frau Lederer [1] telegrafisch
ersucht, – ob auch die uns im Stiche läßt!
Oh Gott – was fang ich da nur an, – hätte
ich wenigstens Egon hier, dann ließe sich diese
Situation eher ertragen – aber allein und ver-
lassen von allen und allem. – Etwas hart für
den Anfang – aber meinen lieben guten
||
Egon zu Liebe, ertrage ich alles mit Geduld;
ich weiß, könnte er hier sein; er würde mich
auf Rosen betten.
Um 1h war ich bereits wieder vor dem Ausstellungs-
gebäude und habe bis ½ 7h gewartet bis ich
endlich Egon, ganz weit weg für eine Minute
erblickt habe. Nach Neuhaus würde er kommen
hat er mir zu gerufen, – und jetzt habe ich noch
eine Stunde gewartet, – dann war es mir aber
nicht mehr möglich auch nur eine Sekunde
zu warten, – sonst wäre ich ohnmächtig zu-
sammen gestürzt, – denn kaum etwas
im Magen, von 5h früh bis ½ 8h abends
ununterbrochen zu stehen, – ich glaube, d.[as] würde
eine stärkere Natur kaum aushalten.
Hätte ich nur nicht die materiellen Sorgen
könnte ich heute Nacht vor lauter Müdigkeit
doch etwas schlafen, – so wird mich aber dieser
schreckliche Alp drücken, – was wird geschehen
wenn niemand schickt! – Ich kann es mir
nicht ausdenken, – ich bin ganz verzweifelt –
– was soll ich nur tun, – was soll ich nur tun.
– – – – –
||
Noch an jemanden schreiben? – es ist eine fürchterliche
Arbeit für mich, – auch so ungewohnt. –
Soll ich an Reini[n]ghaus [2] telegr.[afieren]? ich will es morgen
früh versuchen,
Wenn die Sache sich nicht bald ändert, werde
ich sterbenskrank, ich fühle mich so elend, – ich
esse fast nichts, – schlafe schlecht, – kränke mich
viel, – hetze mich fürchterlich ab, Summa sumarum [!]
ein Häuflein Unglück – das bin jetzt ich!
Doch ich habe ja einen Trost, – dass sich die Ge-
schichte sehr bald ändern wird, – hoffentlich, –
hoffentlich.
Mein einzig geliebter süßer Schatz.
Auch Du lernst jetzt das Leben von noch einer
anderen Seite kennen, sei stark, halte aus, denke
daran, daß Du für mich leben mußt, wie ich
es für Dich will. – Nur eine Minute Deinen Kopf in
meine Hände nehmen, – und ich wäre etwas ruhiger.
Es war eine gute Idee von Dir, dieses Buch mit zunehmen, daß
ich hier schreiben kann, beruhigt mich sehr, zu einer
anderen Arbeit bin ich nicht fähig, –
||
[durchgestr.: dann] Sonst kommen so furchtbare Gedanken über mich
– – – nein ich darf an d.[as] alles nicht denken
sonst werde ich wahnsinnig!
Doch beim Schreiben wird mir viel leichter, ich denke
ich spreche zu Dir, erzähl’ Dir all mein Leid, – ich
seh Dein gutes Gesicht, – Deine goldigen Augen, –
küß’ Deinen weichen Mund, und mir wird viel, viel
besser.
Es ist wohl Papierverschwendung, denn mein
Geschreibsel kann unmöglich mein Fühlen richtig
zu Papier bringen, – dazu fehlt mir die dichterische
Ader.
Ich habe keine Worte mehr, die stark genug ausdrücken
würden, wie sehr mein Herz an Dir hängt.
Draußen ist ein furchtbarer Lärm, der Sieg von
Lemberg [3] wird durch Militärmusik und Militär-
fackelzug gefeiert, – die erste Kriegsbegeisterung
die ich hier sehe.
Ich will jetzt etwas nachtmahl [!] essen, (den Käse den ich
Dir mitgebracht habe und Dir nicht geben konnte.) und
dann weiter schreiben.
Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern
Trostbuch.
||
Ich habe so furchtbare Schmerzen, – (die
Tante zu Besuch.) [4] (sollte erst 30ten kommen, – doch durch
viel Aufregungen und entsetzlich viel stehen früher
eingetroffen. Einesteils ist es so besser, bin ich wenigstens
dann, wenn ich bei meinem lieben Mann wieder bin
ganz gesund.) Ich will jetzt ins Bett gehen
vielleicht wird mir dann besser.
„Egon, Herzenslieb, ich küß Dich innig, schlaf wohl
und träum davon, wie schön es sein wird, wenn
wir wieder beisammen sind. –
Gib mir – ein Busserl! – So gib mir eins!
|||||||||||||||||||||||||||||| |||||||||| lauter Busserln
Anmerkungen
[1] Serena Lederer, geb. Pulitzer (1867–1943).
[2] Carl Reininghaus, Industrieller (1857–1929).
[3] Schlacht bei Gródek-Lemberg, 17.–20. Juni 1915, Durchbruchsoffensive der deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen gegen die russische Armee.
[4] Euphemismus für das Einsetzen der Menstruation.
Erfasst in
Vollständige Transkription abgedruckt in:
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Abbildungsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York

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