Tagebucheintrag von Edith Schiele
Tagebucheintrag von Edith Schiele Bild 1
Tagebucheintrag von Edith Schiele Bild 2
Courtesy Kallir Research Institute, New York
ESDA ID
3456
Nebehay 1979
Nicht gelistet/Not listed
Bestandsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Ort
Prag
Datierung
21.06.1915 (eigenhändig)
Material/Technik
Tinte auf Papier
Maße
24 x 19,5 cm
Transkription
Montag 21. Juni 1915 12h Mittag
Den ersten Tag allein – er ist trostlos! [1]
Als ich mich von Dir getrennt (ich konnte mich
nicht mehr umblicken nach Dir sonst hätte ich
laut aufheulen müssen) bin ich so rasch
als möglich auf unser Zimmer, und dort hab’
ich geweint, – geweint ich weiß gar nicht wie
lang, eins aber weiß ich d.[ass] mir furchtbar elend
zu Mute ist. – Ich bin in einer verzweifelten
Stimmung; am liebsten möchte ich, wenn es
nicht gar so lächerlich aussehn würde; fort-
während vor der Kaserne stehn, nur so lange
warten bis ich Dich erblickt hätte, einmal war
ich schon da, natürlich keine Spur von Dir
zu sehn, wie konnt’ ich auch nur so kindisch
sein. Trotzdem will ich später wieder hingehn
vielleicht treiben meine bittenden, trostlosen
Augen Dich zu irgend einem Fenster, – denn
ich will Dich ja nur sehn – nur mir wäre ja
schon leichter.
||
Abends ½ 8h
Es war wieder nichts, – ich hab’ Dich wieder
nicht gesehn, – oder vielleicht bist Du gar nicht
mehr in dieser Kaserne, – in einen andern dieser
furch[t]baren Kasten – nur nicht – es beruhigt
mich so Dich in meiner aller nächsten Nähe zu
wissen.
Gott Lob der eine Tag ist auch um, heute früh
hab’ ich nicht geglaubt, daß er auch vergehn
wird. – Noch so ein Tag, und noch so ein
Tag – wie schrecklich! – Ich wollt ich wär
um ein halbes Jahr älter, dann hätte vielleicht
all der Jammer schon ein Ende. Schlafen kann
ich jetzt auch noch nicht gehen – ich will ver-
suchen zu lesen, – obzwar ich weiß, d.[ass] ich über die
erste[n] Zeilen nicht hinaus kommen werde. Was soll ich
[durchgestr.: ich] nur aber tun. Selbst spazieren, unter Menschen
mag ich nicht gehn. Alles ist so fröhlich und
heiter da wird mir nur noch elender als mir schon
ist.
Egon, Egon komm bald zu mir sonst sterb’ ich
vor Sehnsucht nach Dir!
Anmerkungen
[1] Egon Schiele trat am 21. Juni in Prag zur Grundausbildung an.
Erfasst in
Vollständige Transkription abgedruckt in:
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Erwähnte Person
Abbildungsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York

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