Tagebucheintrag von Edith Schiele
Courtesy Kallir Research Institute, New York
ESDA ID
3501
Nebehay 1979
Nicht gelistet/Not listed
Bestandsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Ort
Wien
Datierung
16.04.1918 (eigenhändig)
Material/Technik
Bleistift auf Papier
Maße
24 x 19,5 cm
Transkription
16. April 1918
Heute nach Jahren als ich in diesen [!] Buch
geblättert, da fallt [!] es mir auf
[Wörter unleserlich durchgestr.]
daß ich immer und
immer wieder über das Alleinsein ge-
klagt habe, – nun – daß [!] wird wohl
schon mein Schicksal sein. – Heute
wo ich körperlich nicht das Geringste
entbehren muß, bin ich immer wieder
seelisch allein, – E.[gon] hat mich in seiner
Weise sicher lieb! – doch will er nicht die
kleinsten Gedanken mit mir teilen
läßt mich abseits stehen und nicht
teilhaben an dem Entstehen und Werden
jenes Gedankens.
Wenn ich ein Kind hätte – ob es dann
für mich besser wäre?
Dann hätte ich etwas von ihm mit dem
ich mich beschäftigen dürfte –
||
der Gedanke des Kindes läßt mich seit
ich dieses Gefühl des beiseite geschoben
werden habe, nicht mehr los.
Ob ich aber eine Mutter sein könnte
so edel und – – wie es eben meine
Mutter [1] ist.
Ein Kind – kämpfen und leiden für mein
Kind! – Ein Mädchen müßte es sein –
kein Knabe und dem Vater ähnlich!
Wie klein und nichtig kommen mir all
die Dinge die ich früher hier eintrug
vor, – gegen den seelischen Schmerz
den ich jetzt empfinde.
Die Natur betrachten wollen und zeichnen
– ich darf nicht dabei sein, –
weil ich störe! – Wie weh’ das tut!
Warum sieht das Buch nur Tränen?!
Werde ich es erleben daß ich aus über-
großer Freude danach greife und jubeln
||
können [!], über Großes was mir passi[e]rt! –
Passiert – durch ihn!
Muß ich noch lange darauf warten?
Heute nach Jahren als ich in diesen [!] Buch
geblättert, da fallt [!] es mir auf
[Wörter unleserlich durchgestr.]
daß ich immer und
immer wieder über das Alleinsein ge-
klagt habe, – nun – daß [!] wird wohl
schon mein Schicksal sein. – Heute
wo ich körperlich nicht das Geringste
entbehren muß, bin ich immer wieder
seelisch allein, – E.[gon] hat mich in seiner
Weise sicher lieb! – doch will er nicht die
kleinsten Gedanken mit mir teilen
läßt mich abseits stehen und nicht
teilhaben an dem Entstehen und Werden
jenes Gedankens.
Wenn ich ein Kind hätte – ob es dann
für mich besser wäre?
Dann hätte ich etwas von ihm mit dem
ich mich beschäftigen dürfte –
||
der Gedanke des Kindes läßt mich seit
ich dieses Gefühl des beiseite geschoben
werden habe, nicht mehr los.
Ob ich aber eine Mutter sein könnte
so edel und – – wie es eben meine
Mutter [1] ist.
Ein Kind – kämpfen und leiden für mein
Kind! – Ein Mädchen müßte es sein –
kein Knabe und dem Vater ähnlich!
Wie klein und nichtig kommen mir all
die Dinge die ich früher hier eintrug
vor, – gegen den seelischen Schmerz
den ich jetzt empfinde.
Die Natur betrachten wollen und zeichnen
– ich darf nicht dabei sein, –
weil ich störe! – Wie weh’ das tut!
Warum sieht das Buch nur Tränen?!
Werde ich es erleben daß ich aus über-
großer Freude danach greife und jubeln
||
können [!], über Großes was mir passi[e]rt! –
Passiert – durch ihn!
Muß ich noch lange darauf warten?
Anmerkungen
[1] Josefine Harms, geb. Bürzner (1850–1939).
Erfasst in
Vollständige Transkription abgedruckt in:
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Eigentümer*in
Autor*in
Erwähnte Person
Abbildungsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Verknüpfte Objekte
PURL: https://www.egonschiele.at/3501