Tagebucheintrag von Edith Schiele
Courtesy Kallir Research Institute, New York
ESDA ID
3500
Nebehay 1979
Nicht gelistet/Not listed
Bestandsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Ort
Purgstall an der Erlauf
Datierung
19.09.1916 (eigenhändig)
Material/Technik
Bleistift auf Papier
Maße
24 x 19,5 cm
Transkription
Purgstall 19. [durchgestr.: Oktober] September 1916.
Und jetzt regnet es nicht und ich gehe auch
nicht aus. Denn draußen unter Menschen fühle
ich mich noch einsamer, als hier in meinem Zimmer,
allein mit Lord. [1] Warum komme ich nicht darüber
hinweg, – daß es nun nicht anders geht, daß ge-
duldig abwarten das beste wäre, Egon tut mir
so leid, er der das ungebundenste Leben von je ge-
wohnt war, ist angehängt, ärger als ein Arbeiter
wird als Nummer behandelt, er, der gewohnt war
bewundert ob seines Talentes zu werden. –
Draußen auf der Straße streiten zwei Weiber, ihr Gekeife
und Gezank dringt zu mir, in mein Zimmer, glücklich
die, die über derartige Nichtigkeiten, über die sie
zanken, so viel Zeit und Worte verlieren können.
– – Heute ist ein schlechter Tag für mich, meine
Stimmung will mich erdrücken, ich versuche
ihrer Herr zu werden, – ich weiß es im voraus
es gelingt mir nicht. Ich habe nicht die geringste
Lust zu irgend einer Tätigkeit, alles alles
wiedert [!] mich an, – schlafen möchte ich – wenn
ich es könnte – – Möcht der Krieg nur schon
||
ein Ende haben, – dann wird ja alles wieder
gut.
Und jetzt regnet es nicht und ich gehe auch
nicht aus. Denn draußen unter Menschen fühle
ich mich noch einsamer, als hier in meinem Zimmer,
allein mit Lord. [1] Warum komme ich nicht darüber
hinweg, – daß es nun nicht anders geht, daß ge-
duldig abwarten das beste wäre, Egon tut mir
so leid, er der das ungebundenste Leben von je ge-
wohnt war, ist angehängt, ärger als ein Arbeiter
wird als Nummer behandelt, er, der gewohnt war
bewundert ob seines Talentes zu werden. –
Draußen auf der Straße streiten zwei Weiber, ihr Gekeife
und Gezank dringt zu mir, in mein Zimmer, glücklich
die, die über derartige Nichtigkeiten, über die sie
zanken, so viel Zeit und Worte verlieren können.
– – Heute ist ein schlechter Tag für mich, meine
Stimmung will mich erdrücken, ich versuche
ihrer Herr zu werden, – ich weiß es im voraus
es gelingt mir nicht. Ich habe nicht die geringste
Lust zu irgend einer Tätigkeit, alles alles
wiedert [!] mich an, – schlafen möchte ich – wenn
ich es könnte – – Möcht der Krieg nur schon
||
ein Ende haben, – dann wird ja alles wieder
gut.
Anmerkungen
[1] Hund von Edith und Egon Schiele.
Erfasst in
Vollständige Transkription abgedruckt in:
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Eigentümer*in
Autor*in
Erwähnte Person
Abbildungsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Verknüpfte Objekte
PURL: https://www.egonschiele.at/3500