Tagebucheintrag von Edith Schiele
Courtesy Kallir Research Institute, New York
ESDA ID
3497
Nebehay 1979
Nicht gelistet/Not listed
Bestandsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Ort
Mühling bei Wieselburg
Datierung
01.08.1916 (eigenhändig)
Material/Technik
Tinte auf Papier
Maße
24 x 19,5 cm
Transkription
Mühling 1. Aug.[ust] 1916.
Ein ganzes halbes Jahr hab ich dieses Buch vernachlässigt
teilweise hatte ich keine Zeit und auch keine Lust
irgendetwas einzutragen. – Anfangs März kam
Egon vom Exelberg nach Liesing, – dort musste er
2 Monate Dienst machen, und wurde anfangs
Mai nach hierher kommandiert. Militärisch
ist es für ihn hier, im Verhältnis zu Wien, tadellos.
Schade das[s] diese Gegend so weit von dem Ort ist wo
ich gerne sein möchte!
Heute ist es genau ein Jahr d.[ass] ich von Neuhaus nach
Wien kam; – ob ich nun vieles glücklicher bin als da-
mals? – mir würde ja hier alles ganz gut gefallen
würde nicht die Einsamkeit so auf mir lasten.
Die kurze Zeit die Egon bei mir ist, vergeht so rasend
schnell, die übrige Zeit schleicht so endlos öd [?] dahin,
jetzt ist es mir schon so langweilig, wie wirds im
Winter werden, wo der Tag so kurz ist? Doch eines
wiegt alles auf, Egon ist hier außer jeder Gefahr und
wird von seinen Vorgesetzten sehr nett und freundlich
||
behandelt ja man hat ihn [!] sogar ein Atelier zur Verfügung
gestellt. – Das alles ist viel wert, und deshalb sollte ich nicht
so ungeduldig sein, und diese elende Zeit so verjammern
– Wir haben von hier aus viele schöne Partien ge-
mach[t], wie Kimberg-Gaming [Kienberg bei Gaming], Lunz, lezhin [!] waren
wir in Ybbs, sind von da nach Amstetten und wieder
zurück, heute wollen wieder nach Ybbs. Drei bis vier mal
waren wir in Wien, – sind mit verschiedene [!] Malern
zusammengetroffen, – wir hatten hier schon einige
Besuche, Mama Schiele, Mela, Willi, Dela [1] waren
hier. In 3 Wochen fahren wir wieder nach Wien, und
in zirka 4–5 Wochen bekommt Egon einen 14 tägigen
Urlaub, die Hälfte desselben wollen wir in Tirol,
Innsbruck und Umgebung verbringen, die andere Hälfte
in Wien.
Ein ganzes halbes Jahr hab ich dieses Buch vernachlässigt
teilweise hatte ich keine Zeit und auch keine Lust
irgendetwas einzutragen. – Anfangs März kam
Egon vom Exelberg nach Liesing, – dort musste er
2 Monate Dienst machen, und wurde anfangs
Mai nach hierher kommandiert. Militärisch
ist es für ihn hier, im Verhältnis zu Wien, tadellos.
Schade das[s] diese Gegend so weit von dem Ort ist wo
ich gerne sein möchte!
Heute ist es genau ein Jahr d.[ass] ich von Neuhaus nach
Wien kam; – ob ich nun vieles glücklicher bin als da-
mals? – mir würde ja hier alles ganz gut gefallen
würde nicht die Einsamkeit so auf mir lasten.
Die kurze Zeit die Egon bei mir ist, vergeht so rasend
schnell, die übrige Zeit schleicht so endlos öd [?] dahin,
jetzt ist es mir schon so langweilig, wie wirds im
Winter werden, wo der Tag so kurz ist? Doch eines
wiegt alles auf, Egon ist hier außer jeder Gefahr und
wird von seinen Vorgesetzten sehr nett und freundlich
||
behandelt ja man hat ihn [!] sogar ein Atelier zur Verfügung
gestellt. – Das alles ist viel wert, und deshalb sollte ich nicht
so ungeduldig sein, und diese elende Zeit so verjammern
– Wir haben von hier aus viele schöne Partien ge-
mach[t], wie Kimberg-Gaming [Kienberg bei Gaming], Lunz, lezhin [!] waren
wir in Ybbs, sind von da nach Amstetten und wieder
zurück, heute wollen wieder nach Ybbs. Drei bis vier mal
waren wir in Wien, – sind mit verschiedene [!] Malern
zusammengetroffen, – wir hatten hier schon einige
Besuche, Mama Schiele, Mela, Willi, Dela [1] waren
hier. In 3 Wochen fahren wir wieder nach Wien, und
in zirka 4–5 Wochen bekommt Egon einen 14 tägigen
Urlaub, die Hälfte desselben wollen wir in Tirol,
Innsbruck und Umgebung verbringen, die andere Hälfte
in Wien.
Anmerkungen
[1] Marie Schiele, geb. Soukup (1862–1935); Melanie Schiele (1886–1974); Willi Wachalowski, Freundin von Edith Schiele; Adele Harms (1890–1968).
Erfasst in
Vollständige Transkription abgedruckt in:
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Eigentümer*in
Autor*in
Abbildungsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Verknüpfte Objekte
PURL: https://www.egonschiele.at/3497