Tagebucheintrag von Edith Schiele
Courtesy Kallir Research Institute, New York
ESDA ID
3493
Nebehay 1979
Nicht gelistet/Not listed
Bestandsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Ort
Gänserndorf
Datierung
07.12.1915 (eigenhändig)
Material/Technik
Tinte auf Papier
Maße
24 x 19,5 cm
Transkription
Gänserndorf 7. Dez.[ember] 1915
Sonntag den 5. wurde Egon nach hierher
verschickt. Ein nettes kleines fades
Nest, doch ich hoffe der Aufenthalt ist bis
Ende dieser Woche beendigt. –
Stimmungsvolle schöne Stunden sind
hier zu verleben. Ein Sonnenunter-
gang von märchenhafter Schönheit.
Blutigrot, bläulich, gelblich leuchtet
der Himmel, die dürren Bäume
heben sich als herrliche Silh[o]uetten
davon ab. Hin und wieder begegnet
man arbeitenden (kriegsgef.[angenen]) Russen,
stämmigen großen Gestalten mit
typisch russischen [!] Aussehen. Das Los
dieser Gefangenen ist kein Schlimmes
||
in ihrer Heimat werden sie manches
nicht besitzen, was sie hier als
Selbstverständlichkeit erhalten, doch
es wird so mancher darunter sein
der sich sehnt – nach seiner
armseligen Hütte, jetzt in der
Ferne, – unerreichbar, erscheint
es ihm als etwas kostbares.
Sonntag den 5. wurde Egon nach hierher
verschickt. Ein nettes kleines fades
Nest, doch ich hoffe der Aufenthalt ist bis
Ende dieser Woche beendigt. –
Stimmungsvolle schöne Stunden sind
hier zu verleben. Ein Sonnenunter-
gang von märchenhafter Schönheit.
Blutigrot, bläulich, gelblich leuchtet
der Himmel, die dürren Bäume
heben sich als herrliche Silh[o]uetten
davon ab. Hin und wieder begegnet
man arbeitenden (kriegsgef.[angenen]) Russen,
stämmigen großen Gestalten mit
typisch russischen [!] Aussehen. Das Los
dieser Gefangenen ist kein Schlimmes
||
in ihrer Heimat werden sie manches
nicht besitzen, was sie hier als
Selbstverständlichkeit erhalten, doch
es wird so mancher darunter sein
der sich sehnt – nach seiner
armseligen Hütte, jetzt in der
Ferne, – unerreichbar, erscheint
es ihm als etwas kostbares.
Erfasst in
Vollständige Transkription abgedruckt in:
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Eigentümer*in
Autor*in
Erwähnte Person
Abbildungsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Verknüpfte Objekte
PURL: https://www.egonschiele.at/3493