Tagebucheintrag von Edith Schiele
Courtesy Kallir Research Institute, New York
ESDA ID
3492
Nebehay 1979
Nicht gelistet/Not listed
Bestandsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Ort
Wien
Datierung
31.10.1915 (eigenhändig)
Material/Technik
Tinte auf Papier
Maße
24 x 19,5 cm
Transkription
Letzten Oktober 1915.
So lange Zeit habe ich wieder kein
einziges Wort hier eingetragen,
doch es ist der beste Beweis daß es
mir gut geht, denn ich fühle nur
dann das Bedürfnis einzutragen
wenn meine seelische Stimmung
nicht in Ordnung ist. Es ist eigentlich
unrecht von mir, ich sollte gut verbrachte
Stunden nicht übergehen, denn sollte
ich nach vielen Jahren das Buch wieder
zur Hand nehmen, müßte ich glauben
es hätte damals nicht eine einzige
Stunde in meinem Leben die Sonne ge-
scheint. – Mein Portrait [1] hat
Arnot [2] gekauft, schade daß es
nicht fotografisch aufgenommen
wurde als erinnern für später.
||
In wessen Raum werde ich zu hängen
kommen? Sonderbarer Gedanke, –
nicht zu wissen wohin ein Werk das
man lieb gewonnen hat kommt,
auf welche Leute ich lächelnd herab
sehen werde.
So lange Zeit habe ich wieder kein
einziges Wort hier eingetragen,
doch es ist der beste Beweis daß es
mir gut geht, denn ich fühle nur
dann das Bedürfnis einzutragen
wenn meine seelische Stimmung
nicht in Ordnung ist. Es ist eigentlich
unrecht von mir, ich sollte gut verbrachte
Stunden nicht übergehen, denn sollte
ich nach vielen Jahren das Buch wieder
zur Hand nehmen, müßte ich glauben
es hätte damals nicht eine einzige
Stunde in meinem Leben die Sonne ge-
scheint. – Mein Portrait [1] hat
Arnot [2] gekauft, schade daß es
nicht fotografisch aufgenommen
wurde als erinnern für später.
||
In wessen Raum werde ich zu hängen
kommen? Sonderbarer Gedanke, –
nicht zu wissen wohin ein Werk das
man lieb gewonnen hat kommt,
auf welche Leute ich lächelnd herab
sehen werde.
Anmerkungen
[1] Bildnis der Frau des Künstlers, stehend, 1915, K P290.
[2] Guido Arnot, Kunsthändler (1876–1946); Galerie Arnot, Wien.
[2] Guido Arnot, Kunsthändler (1876–1946); Galerie Arnot, Wien.
Erfasst in
Vollständige Transkription abgedruckt in:
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Eigentümer*in
Autor*in
Erwähnte Person
Abbildungsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Verknüpfte Objekte
PURL: https://www.egonschiele.at/3492