Tagebucheintrag von Edith Schiele
Courtesy Kallir Research Institute, New York
ESDA ID
3460
Nebehay 1979
Nicht gelistet/Not listed
Bestandsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Ort
Prag
Datierung
26.06.1915 (eigenhändig)
Material/Technik
Tinte auf Papier
Maße
24 x 19,5 cm
Transkription
Samstag 26. Juni 1915 3h nachmittag
Es war mir nicht möglich die 2 letzten Tage zu
beschreiben, sie waren wohl für Egon besser, für
mich so anstrengend, d.[ass] ich abends nicht mehr
fähig war auch nur ein Wort zu schreiben.
Heute soll Egon fortkommen, würde es nur
dazu kommen, dann käme er von dieser furcht-
baren Bande weg, und ich von diesem scheußlichen
Prag. So lange Egon bei mir war, war mir Prag
eine sehr angenehme Stadt, doch jetzt wo ich
so viel allein herum gekommen bin, habe ich Stadt
und Leute kennen gelernt.
Ich kann unmöglich mehr zu Egon; erstens
muß ich hier ordnen, packen u.s.w. 2tens kann
ich ihn so nicht sehen und 3tens bin ich
zum umfallen müde.
Ich will nur zum Bahnhof gehen mich wegen
der Züge erkundigen und dann gleich wieder
nach hause kommen.
Wenn ich nur nicht so unendlich müde wäre.
Gott sei Dank, – Frau Lederer [1] hat teleg.[rafisch] geschickt!
Es war mir nicht möglich die 2 letzten Tage zu
beschreiben, sie waren wohl für Egon besser, für
mich so anstrengend, d.[ass] ich abends nicht mehr
fähig war auch nur ein Wort zu schreiben.
Heute soll Egon fortkommen, würde es nur
dazu kommen, dann käme er von dieser furcht-
baren Bande weg, und ich von diesem scheußlichen
Prag. So lange Egon bei mir war, war mir Prag
eine sehr angenehme Stadt, doch jetzt wo ich
so viel allein herum gekommen bin, habe ich Stadt
und Leute kennen gelernt.
Ich kann unmöglich mehr zu Egon; erstens
muß ich hier ordnen, packen u.s.w. 2tens kann
ich ihn so nicht sehen und 3tens bin ich
zum umfallen müde.
Ich will nur zum Bahnhof gehen mich wegen
der Züge erkundigen und dann gleich wieder
nach hause kommen.
Wenn ich nur nicht so unendlich müde wäre.
Gott sei Dank, – Frau Lederer [1] hat teleg.[rafisch] geschickt!
Anmerkungen
[1] Serena Lederer, geb. Pulitzer (1867–1943).
Erfasst in
Vollständige Transkription abgedruckt in:
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Eigentümer*in
Autor*in
Erwähnte Person
Abbildungsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Verknüpfte Objekte
PURL: https://www.egonschiele.at/3460