Brief von Adele Harms an Egon und Edith Schiele
Albertina, Wien
ESDA ID
896
Nebehay 1979
806
Bestandsnachweis
Albertina, Wien, Inv. ESA 467
Ort
Wien
Datierung
22.06.1915 (eigenhändig)
Material/Technik
Schwarze Tinte auf Papier
Maße
25,3 x 18,5 cm
Transkription
Wien, 22.VI.1915
Mein liebes Schwesterlein u. Schwägerlein!
Soeben sind die Anzeigen [1] gekommen und wir haben
sie gleich abgeschickt und zwar an sämtliche Wohnpar-
teien, Familie Schiele, Familie Sturzl, Professor Herweg, Frl
Joli, Tatzl, Fr. Pelikan, Willi [2] und an alle näheren Bekann-
ten. Es ist nicht unsere Schuld dass sie so spät kommen
sondern die der Druckerei. Erdmanns [3] haben uns verspot-
tet mit der Verspätung, alles spart bis zum Excess. –
Das Allerneueste! Lemberg ist seit heute officiel [!] einge-
nommen. Es war schon 4 Tage vorher öffentliches Ge-
heimnis. – Aus Sarajewo flüchten die Leute es soll dort
nicht geheuer sein. Ausserdem gibt es hier noch was
Neues. Wien besitzt seit gestern weibliche Strassenbahn-
kondukteure, gesehen hab ich aber noch keine.
Dein Brief hat uns heute sehr gerührt. Du bist doch
ein lieber Kerl dass Du nach uns Sehnsucht hast; uns
geht es nicht besser, wir schwatzen viel von Euch. Und
hätten wir Zeit u. G.[eld] wie schnell wären wir bei Dir und
wenns nur auf ein paar Stunden wär um Dir viele
Hubičko [4] zu geben. Comprenez vous! Nun wundert
||
mich nicht, dass es ein Hotel Paris gibt nachdem Du
schreibst wie unpatriotisch Prag ist. [5] An die Stiege
aus dem Film erinnere ich mich gut, warst du vielleicht
auch auf dem judischen [!] Friedhof? – Im Baumgar-
ten soll es auch sehr hübsch sein wie Madame Fuchs
sagt. Grüss sie auch einmal schriftlich damit sie
gerührt ist. Schreibe mir wo Du überall schon warst es
interessiert mich sehr. Morgen geh ich mit Mutterle [6]
ins Kino zu einem Bassermannfilm. [7] Ihr Fuss ist noch
nicht viel besser aber sie muss hinaus damit sie etwas
abgelenkt wird. Ich habe jetzt das Gefühl dass
ich sehr im Wert gestiegen bin. Du sollst nur sehen
wenn ich nach hause komme wie sehnsüchtig ich er-
wartet werde. Ich bin dann ganz lustig und ausge-
lassen, Mutti nennt das zwar Galgenhumor ich will
sie aber dabei nicht lassen. Ich hoffe das[s] Egon nicht
behalten wird, dann gebs [!] ja ein baldiges Wiedersehn.
Sonntag war regnerisches Wetter da hab ich mich über
den Bücherkasten gemacht. Sag was soll mit den
vielen Interviews u. Rezensionen geschehen? – Ich spie-
le jetzt mehr Klavier wie sonst und zwar das senti-
mentale Chanson „Servus Du!“ hats mir angetan.
Gell Du erinnerst dich noch! [skizzierte Notation]
Nun muss ich Schluss machen damit der B.[rief] einmal in Dei-
ne Hände kommt, und bin ich viel müder als früher um
12h wo wir noch zusammen das Hietzinger Pflaster unsicher
machten. Schluss – aus – fertig! – Gruss u. Hubičko
an Euch beide. – | Der das Delale! | – –
Mein liebes Schwesterlein u. Schwägerlein!
Soeben sind die Anzeigen [1] gekommen und wir haben
sie gleich abgeschickt und zwar an sämtliche Wohnpar-
teien, Familie Schiele, Familie Sturzl, Professor Herweg, Frl
Joli, Tatzl, Fr. Pelikan, Willi [2] und an alle näheren Bekann-
ten. Es ist nicht unsere Schuld dass sie so spät kommen
sondern die der Druckerei. Erdmanns [3] haben uns verspot-
tet mit der Verspätung, alles spart bis zum Excess. –
Das Allerneueste! Lemberg ist seit heute officiel [!] einge-
nommen. Es war schon 4 Tage vorher öffentliches Ge-
heimnis. – Aus Sarajewo flüchten die Leute es soll dort
nicht geheuer sein. Ausserdem gibt es hier noch was
Neues. Wien besitzt seit gestern weibliche Strassenbahn-
kondukteure, gesehen hab ich aber noch keine.
Dein Brief hat uns heute sehr gerührt. Du bist doch
ein lieber Kerl dass Du nach uns Sehnsucht hast; uns
geht es nicht besser, wir schwatzen viel von Euch. Und
hätten wir Zeit u. G.[eld] wie schnell wären wir bei Dir und
wenns nur auf ein paar Stunden wär um Dir viele
Hubičko [4] zu geben. Comprenez vous! Nun wundert
||
mich nicht, dass es ein Hotel Paris gibt nachdem Du
schreibst wie unpatriotisch Prag ist. [5] An die Stiege
aus dem Film erinnere ich mich gut, warst du vielleicht
auch auf dem judischen [!] Friedhof? – Im Baumgar-
ten soll es auch sehr hübsch sein wie Madame Fuchs
sagt. Grüss sie auch einmal schriftlich damit sie
gerührt ist. Schreibe mir wo Du überall schon warst es
interessiert mich sehr. Morgen geh ich mit Mutterle [6]
ins Kino zu einem Bassermannfilm. [7] Ihr Fuss ist noch
nicht viel besser aber sie muss hinaus damit sie etwas
abgelenkt wird. Ich habe jetzt das Gefühl dass
ich sehr im Wert gestiegen bin. Du sollst nur sehen
wenn ich nach hause komme wie sehnsüchtig ich er-
wartet werde. Ich bin dann ganz lustig und ausge-
lassen, Mutti nennt das zwar Galgenhumor ich will
sie aber dabei nicht lassen. Ich hoffe das[s] Egon nicht
behalten wird, dann gebs [!] ja ein baldiges Wiedersehn.
Sonntag war regnerisches Wetter da hab ich mich über
den Bücherkasten gemacht. Sag was soll mit den
vielen Interviews u. Rezensionen geschehen? – Ich spie-
le jetzt mehr Klavier wie sonst und zwar das senti-
mentale Chanson „Servus Du!“ hats mir angetan.
Gell Du erinnerst dich noch! [skizzierte Notation]
Nun muss ich Schluss machen damit der B.[rief] einmal in Dei-
ne Hände kommt, und bin ich viel müder als früher um
12h wo wir noch zusammen das Hietzinger Pflaster unsicher
machten. Schluss – aus – fertig! – Gruss u. Hubičko
an Euch beide. – | Der das Delale! | – –
Anmerkungen
[1] Vermählungsanzeige von Edith und Egon Schiele, siehe ESDA ID 887.
[2] Willi Wachalowski, Freundin von Edith Schiele.
[3] Tschechisch: Kuss, Küsschen.
[4] Friedrich „Fritz“ und Ottilie Erdmann.
[5] Edith Schiele wohnte dort in Prag. Aus patriotischen Gründen wurden im Ersten Weltkrieg in Deutschland und in Teilen der österreichisch-ungarischen Monarchie ausländische Firmen- und Hotelnamen geändert.
[6] Josefine Harms, geb. Bürzner (1850–1939).
[7] Vielleicht Else Bassermann (1878–1961), siehe auch ESDA ID 3435.
[2] Willi Wachalowski, Freundin von Edith Schiele.
[3] Tschechisch: Kuss, Küsschen.
[4] Friedrich „Fritz“ und Ottilie Erdmann.
[5] Edith Schiele wohnte dort in Prag. Aus patriotischen Gründen wurden im Ersten Weltkrieg in Deutschland und in Teilen der österreichisch-ungarischen Monarchie ausländische Firmen- und Hotelnamen geändert.
[6] Josefine Harms, geb. Bürzner (1850–1939).
[7] Vielleicht Else Bassermann (1878–1961), siehe auch ESDA ID 3435.
Provenienz
Max Wagner, Wien
1954: Albertina, Wien (Legat)
1954: Albertina, Wien (Legat)
Eigentümer*in
Autor*in
Empfänger*in
Erwähnte Person
Abbildungsnachweis
Albertina, Wien
Verknüpfte Objekte
PURL: https://www.egonschiele.at/896