Brief von Edith Schiele an ihre Familie
Brief von Edith Schiele an ihre Familie Bild 1
Brief von Edith Schiele an ihre Familie Bild 2
Courtesy Kallir Research Institute, New York
ESDA ID
3435
Nebehay 1979
Nicht gelistet/Not listed
Bestandsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Ort
Neuhaus in Böhmen (Jindřichův Hradec)
Datierung
09.07.1915 (eigenhändig)
Material/Technik
Tinte auf Papier
Transkription
Neuhaus 9. Juli 1915.
10h abends

Ihr guten Lieben,
seit [!] mir nicht bös, wegen diesen „Briefpapiers“ – aber es
ist 10h abends. und es gibt keine Möglichkeit, – irgendwo
eines aufzutreiben. – So stecke ich diesen Brief morgen
in ein Couvert und er geht mit der 1ten Post weg –
müßte ich ihn erst morgen schreiben, – würdet Ihr ihn
erst um einen Tag später erhalten, – Ihr möchtet Euch
ja gerade nicht sehr viel drausmachen, – aber ich
will Euch doch täglich schreiben.
Eine Frage Deli’s [1] hab’ ich noch unlängst vergessen zu
beantworten – sie hat mich nämlich gefragt wer die
Bassermann am Film war, [2] – nun d.[as] ist seine Frau, –
sie ist auch mit ihm in Wien zusammen aufgetreten, die
Kritik hat sie sehr gut gefunden, – wie war sie am Film?
Denkt Euch was das hier für ein vorsindflutliches Nest
ist, – nicht einmal ein Kino ist hier, – und Ihr habt
geschrieben hier wäre ein Theater, bis jetzt konnte ich noch
keins erblicken! – überhaupt – nein es ist lange nicht
so schlimm wie ich es mache, – Neuhaus wäre unter
anderen Umständen ein reizendes Nest, – ganz abgesondert
von der übrigen sündigen Welt. – Aber so! –
Gestern und heute war ich baden – in der Militärschwimm-
schule, – der Kom[m]andant dieser Militärschwimmschule
ein sehr netter Mensch – will es mir machen, daß Egon
vielleicht zu hause schlafen kann – bestimmt kann er
mir’s nicht zusagen – aber er will es probieren.
Er ist ein Deutscher resp.[ektive] Österreicher, also mir von Anfang
an gleich sympathisch – er hat mir auch erklärt, das ganz
Neuhaus russophil wäre – und die Bevölkerung alles
dransetzen würde, daß die Russen hier einziehen können.
Unter einer lieben Gesellschaft bin ich da!
Heute hat mir Egon eine Geschichte erzählt, die ihm sein
Leutnant, übrigens ein Wiener, in Friedenszeiten Dr. jur. in Wien,

[oberhalb:] In dem Sackerl waren
einmal – Kirschen!!
||
ein sehr fesches nettes Haus, – der Egon gut leiden kann, und
das ist viel wert, – mitgeteilt hat. – Wie es Ostern
in den Karpathen so schlimm ausgesehen hat, und die
Russen auf ein Haar in Budapest gewesen wären, waren
nur die Prager 28, daran schuld, – sie sind doch bekannt-
lich mit Musik zu den Russen – die Situation wäre
[…] uns total verloren gewesen, hätten sich nicht Ober-
Österreicher den Russen in die Arme geworfen –
2000 Ober Österreicher mußten dabei ihr Leben
lassen – doch die Sache war für uns dadurch
gewonnen. – 2000 Menschen, wegen diesen Hunden!
Die Hinterbliebenen nach diesen Schuften haben jetzt auch
nichts zu lachen, – wißt Ihr was denen blüht? –
totale Besitzwegnahme, und nach dem Krieg werden
sie nach Russland abgeschafft. – Viel zu wenig
hängen soll man sie alle – mit Weib und Kind, –
den die sind eben so schlimm – wie die Väter.
Egon erzählt mir furchtbar viel interessantes – was er eben
von den Reserve Officieren [durchgestr.: erzählt] erfährt. Hier sind sehr viele
aktive Officiere – komisch das man die alle hier im
Hinterland läßt – doch wahrscheinlich weiß man daß
sie zu nichts nütz sind. – Wenn ich nachmittags im
Cafehaus bin, und unwillkürlich hören muß was
Officiere, mit oder ohne Damen zusammen sprechen, –
hat man genug von dieser Gesellschaftsklasse.
Ich würde mich schämen einen österr. Officier zum Mann
zu haben, – sie sind durch die Bank – Teppen.
Egon hat jetzt doch schon jeden Tag 6 Stunden frei –
mit der Zeit wird es schon – schief gehen – nein,
ganz gut werden. Ich will mich dreinfinden.
Ich werde nächste Woche nach einem Privatquartier schauen.
Der Schwimmschul Kommandant hat mir etwas rekommandiert
soll sehr hübsch sein – Zimmer mit 2 Betten – 30 Kr, – doch billiger
als d. Hotel. – Dann ärgere ich mich hier auch so mit den
Stubenmädchen – beide totale Tschechin[n]en – am liebsten möchte
ich ihr den Krug immer am Schädel werfen – absolut
wollen diese Viecher nicht verstehn.
Jetzt geh ich aber schlafen – bin sehr müd’ – viele viele
gute Nacht Busserln meinen süßen Mamerle und Euch allen anderen
Edith
Anmerkungen
[1] Adele Harms (1890–1968).
[2] Vielleicht Else Bassermann (1878–1961), siehe auch ESDA ID 896.
Erwähnte Person
Abbildungsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York

Verknüpfte Objekte

PURL: https://www.egonschiele.at/3435