Diary entry made by Arthur Roessler
ESDA ID
3516
Nebehay 1979
Nicht gelistet/Not listed
Credit line
Wienbibliothek im Rathaus, Manuscript Collection, Inv. H.I.N. 163772
Date
24th Dec. 1910 (handwritten)
Material/technique
Ink on paper
Transcription
24.XII. Schiele bei uns zu Abend. Er kam um 7h, brachte ein kl.[eines] Bild, Tempera auf Holz, die
„tote Mutter“ [1] (die Holztafel kaufte ich ihm nebst 2 weiteren noch) u. blieb bis 11h. Ich schenkte S.
m.[ein] Waldmüller- u. m.[ein] Dalmatienbuch, [2] worüber er sich sehr freute, gab ihm 110 K.[ronen], Ida [3] packte ihm
Obst. u. Kuchen ein.
Hatte mit S. einige Tage zuvor ei.[ne] Auseinandersetzung, weil er in den letzten Tagen wiederholt
||
Peschka [4] zu uns um Geld schickte. Auch Kosmack [5] wurde von S. angepumpt, stets durch Peschka, was
üblen Eindruck macht.
Episode: S. läßt durch P. dem K. telefonisch mitteilen, daß er, K. im Café Schönbrunn auf K. warte,
der kommen und S. „einige Kronen“ mitbringen möge. Das war ½ 6h Ab[en]d. K. hatte im Geschäft zu tun,
als er dann gegen 8h heimkam, trat ihm s.[eine] Frau [6] mit der Kunde entgegen, daß P. u. S. da waren
und daß sie S. 6 K. auf dessen Bitte gab. Wieder hatte S. s.[einen] Freund P. zu Frau K., die P. noch
nicht kannte, geschickt u. um Geld ersuchen lassen. Frau K. weigerte sich dem P. Geld zu geben.
P. erklärte, S. warte auf der Gasse. Frau K. schickt ihre Magd mit der Einladung hinunter,
S. möge hinaufkommen. S. will nicht, wird puterrot u. macht Anstalten davonzukommen,
das handfeste Bauernmädel pa[c]kt S. aber am Arm und zerrt S. unter den Worten „Kommen S’
mir, die Frau frißt Ihnen net!“ hinauf.
Zu merken: E. S. u. Reininghaus Dutzbruderschaft. [7]
Peschka erzählt von Schieles Leidenschaft für d.[as] Eisenbahnfahren. Tatsächlich fuhr S. letzten
Freitag mit dem Pariser Schnellzug bis Feldkirch in Vorarlberg, blieb 2 Stunden u. reiste dann
gleich wieder zurück. Er verbrachte 30 Stunden auf der Bahn – 2 Stunden in Feldkirch!! –
Als Sohn ei.[nes] Eisenbahnbeamten bekam er Freifahrkarten. Auf eine solche Karte hat er in
diesem Jahr noch Anspruch, will ihn auch ausnutzen u. nach Triest fahren. S. ist es nur
um das Fahren zu tun. Stimmungen während der Reise. Bildideen, Skizzen, Rhythmus.
Wie S. die Geräusche des Zuges nachahmt.
S. und Griepenkerl [8] Ausspruch Gr.: „Sie hat der Teufel in meine Schule gekackt!“ S. u. sein
Vormund, [9] Künstlerhausbesuch! Der Onkel-Vormund stellt Veit [10] als Vorbild hin. „Das ist
Inkarnat!“ Lieblingswort. Wollte S. im Steinhof internieren lassen.
E.S. wollte bei uns keinen Fisch essen. „Mir graust vor Fischen!“ – S. aß bloß Kartoffelsalat,
Obst u. Bäckerei u. trank dazu roten Brioni. –
S. vollendete in dieser Woche ein Selbstbildnis mit der „toten Stadt“ (Krumau) im Hinter-
grund. [11] Krumau ist die Geburtsstadt seiner Mutter. [12]
S. ist in Tulln geboren.
Der Abenteurer van Osen. [13]
Annotations
[1] Tote Mutter I, 1910, K P177.
[2] Arthur Roessler/Gustav Pisko (Hrsg.): Ferdinand Georg Waldmüller. Sein Leben, sein Werk, seine Schriften, Wien 1907; Bruno Reiffenstein/Arthur Roessler: Dalmatien. Kunst und Natur in Bildern, Wien/Leipzig 1910.
[3] Ida Roessler, geb. Lange (1877–1961).
[4] Anton Peschka (1885–1940).
[5] Eduard Kosmack, Verleger (1880–1947).
[6] Babethe Kosmack, geb. Berger (1877–1955).
[7] Carl Reininghaus, Industrieller (1857–1929). – Dutzbruderschaft: Schiele und Reininghaus waren „per Du“.
[8] Christian Griepenkerl (1839–1916).
[9] Leopold Czihaczek (1842–1929).
[10] Möglicherweise Eduard Veith (1858–1925).
[11] Weltwehmut, 1910, K P175.
[12] Marie Schiele, geb. Soukup (1862–1935).
[13] Erwin Osen (1891–1970).
Mentioned institution

Linked objects

PURL: https://www.egonschiele.at/3516