Letter from Heinrich Benesch to Egon Schiele
Albertina, Vienna
ESDA ID
275
Nebehay 1979
138
Credit line
Albertina, Vienna, Inv. ESA 234
Place
Vienna
Date
16th Nov. 1910 (handwritten)
Material/technique
Black ink on paper
Dimensions
28,7 x 23 cm (page)
Transcription
Wien, am 16. November 1910.
Sehr verehrter Herr Schiele!
Bei meinem letzten Besuche war ich durch
Ihre Munifizenz so überrascht und befangen,
daß ich glaube, mich nicht einmal ordentlich
bedankt zu haben. Ich bitte Sie daher, verehrter
Künstler, hiemit meinen herzlichsten Dank
für Ihre Güte entgegenzunehmen.
Ich habe mich in die Betrachtung Ihrer Arbeiten
vertieft und komme immer mehr zur Erkennt-
nis Ihrer machtvollen künstlerischen Eigenart,
die anfänglich abstößt, um später umsomehr
gefangenzunehmen [!].
Das Bild von Herrn Reininghaus [1] wird –
trotz des Widerspruches meiner Frau, den Sie
ihr verzeihen werden – eingerahmt und die
übrigen Blätter werden in einer Mappe
aufbewahrt.
||
Um eines bitte ich Sie noch, lieber Herr
Schiele, stecken Sie von Ihren Skizzen, was
immer es sein möge, auch von den kleinsten,
unscheinbarsten Sachen, nicht in den Ofen.
Bitte schreiben Sie auf Ihren Ofen mit Kreide
folgende Gleichung: „Ofen = Benesch“ und wenn
Sie ausmustern und für die ausgemusterten
Sachen absolut keine andere Bestimmung
haben, als den Ofen, so lesen Sie vor dem
Autodafé obige Inschrift und schreiben Sie mir
auf einer Karte nichts anderes, als: „Du
oder der Ofen“ und wenn ich nicht just in
China bin, komme ich noch am selben Tage,
den Kehraus abzuholen. Dieser Abfall Ihrer
Künstlerwerkstatt ist für mich insoferne von
großem Werte, als er mir die Möglichkeit
bieten würde, mich in Ruhe in Ihre künst-
lerische Eigenart, die mich, wie ich Sie ja wohl
nicht zu versichern brauche, in hohem Maße
||
interessiert, zu vertiefen und sie ganz
verstehen zu lernen; denn, künstlerische
Persönlichkeiten, wie die Ihre, begreift man
nicht am ersten Tage.
Wenn Sie, liebwerter Herr Schiele, noch
eine Nachmittagstunde für mich übrig haben,
in der ich den Rest Ihrer Arbeiten, den ich
noch nicht kenne, sehen kann, so gestatten Sie
mir, nochmals zukommen und zwar bitte
ich den Tag (Wochentag) ganz nach Ihrem
Belieben zu wählen. So gerne ich zu Ihnen
komme, will ich doch nicht lästig fallen. Was
immer ich vorhaben mag, werde ich zurück-
stellen, wenn Sie mich rufen.
Nehmen Sie unterdessen die herzlichsten
Grüße entgegen von Ihrem, Sie aufrichtig
hochschätzenden – gestatten Sie mir zu sagen
Freunde
Heinrich Benesch
Wien, X/2, Ghegaplatz 4, 2 Stock, Tür 26.
Sehr verehrter Herr Schiele!
Bei meinem letzten Besuche war ich durch
Ihre Munifizenz so überrascht und befangen,
daß ich glaube, mich nicht einmal ordentlich
bedankt zu haben. Ich bitte Sie daher, verehrter
Künstler, hiemit meinen herzlichsten Dank
für Ihre Güte entgegenzunehmen.
Ich habe mich in die Betrachtung Ihrer Arbeiten
vertieft und komme immer mehr zur Erkennt-
nis Ihrer machtvollen künstlerischen Eigenart,
die anfänglich abstößt, um später umsomehr
gefangenzunehmen [!].
Das Bild von Herrn Reininghaus [1] wird –
trotz des Widerspruches meiner Frau, den Sie
ihr verzeihen werden – eingerahmt und die
übrigen Blätter werden in einer Mappe
aufbewahrt.
||
Um eines bitte ich Sie noch, lieber Herr
Schiele, stecken Sie von Ihren Skizzen, was
immer es sein möge, auch von den kleinsten,
unscheinbarsten Sachen, nicht in den Ofen.
Bitte schreiben Sie auf Ihren Ofen mit Kreide
folgende Gleichung: „Ofen = Benesch“ und wenn
Sie ausmustern und für die ausgemusterten
Sachen absolut keine andere Bestimmung
haben, als den Ofen, so lesen Sie vor dem
Autodafé obige Inschrift und schreiben Sie mir
auf einer Karte nichts anderes, als: „Du
oder der Ofen“ und wenn ich nicht just in
China bin, komme ich noch am selben Tage,
den Kehraus abzuholen. Dieser Abfall Ihrer
Künstlerwerkstatt ist für mich insoferne von
großem Werte, als er mir die Möglichkeit
bieten würde, mich in Ruhe in Ihre künst-
lerische Eigenart, die mich, wie ich Sie ja wohl
nicht zu versichern brauche, in hohem Maße
||
interessiert, zu vertiefen und sie ganz
verstehen zu lernen; denn, künstlerische
Persönlichkeiten, wie die Ihre, begreift man
nicht am ersten Tage.
Wenn Sie, liebwerter Herr Schiele, noch
eine Nachmittagstunde für mich übrig haben,
in der ich den Rest Ihrer Arbeiten, den ich
noch nicht kenne, sehen kann, so gestatten Sie
mir, nochmals zukommen und zwar bitte
ich den Tag (Wochentag) ganz nach Ihrem
Belieben zu wählen. So gerne ich zu Ihnen
komme, will ich doch nicht lästig fallen. Was
immer ich vorhaben mag, werde ich zurück-
stellen, wenn Sie mich rufen.
Nehmen Sie unterdessen die herzlichsten
Grüße entgegen von Ihrem, Sie aufrichtig
hochschätzenden – gestatten Sie mir zu sagen
Freunde
Heinrich Benesch
Wien, X/2, Ghegaplatz 4, 2 Stock, Tür 26.
Annotations
[1] Carl Reininghaus, Industrieller (1857–1929). – Es handelt sich um die Zeichnung Porträt Reininghaus, 1910, K D609 (Verbleib unbekannt).
Recorded in
Hist. Museum der Stadt Wien 1990, Nr. 4.17
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Mentioned person
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Albertina, Vienna
PURL: https://www.egonschiele.at/275