Deutsches Volksblatt 1913
Sch-r. [N.N.]: “Galerie Miethke”, in: Deutsches Volksblatt, 20. Feb. 1913, p. 10
Galerie Mietke. Auf der Ausstellung „Neukunst“ ist nun eine andere Bilderschau gefolgt, die mit Ausnahme einiger Altkunst von Romako wieder das Hochmoderne aus dem Kreise der Kokoschkaianer bietet. Dr. Oskar Reichet erscheint als Aussteller, er ist Besitzer dieser Gemälde. Als Romako-Sammler kennt man ihn von 1905 her, wo bei Miethke eine Romako-Ausstellung stattgefunden hat, und man kennt auch nahezu alle Bilder des Künstlers, die jetzt zu sehen sind, von damals her. Aus der Zeit Romakos, in der sein Bein und seine Hand noch unangekränkelt waren, sind prächtige Werke da, von welchen die „Römerin“ in der brillanten Malweise an erster Stelle postiert werden muß. Welch ein Weg liegt zwischen diesem Bilde bis zu dem „Mädchen mit dem Fruchkorbe“ oder der „Madonna“! Man kann stufenweise verfolgen, wie Romakos Geist und seine Kunst abbröckeln bis endlich nur mehr die traurigen Ruinenreste verbleiben. Immerhin steckt aber in den Schöpfungen seines kranken Gehirns noch bedeutend mehr Kunst als in den Hervorbringern der Neukünstler unserer Tage. Romakos „Madonna“ hat trotz des karikaturistischen Beigeschmackes Qualitäten, an denen man nicht achtlos vorübergehen darf, was ist aber dagegen anscheinend undefinierbare Geklexe des Egon Schiele, der es wagt, einige Farbenflecke mit zwei fürchterlichen Fratzengesichtern „Madonna mit Kind“ zu nennen? Das ist wohl das Allerärgste, was bisher in der so vielfältig schwer leidenden Neukunst geboten wurde. Arme Madonna, was mit dir heutzutage doch alles getrieben werden darf! An diese gräßliche Blasphemie reihen sich noch andere Erzeugnisse der Herren Schiele, Faistauer, Oppenheimer und Gütersloh, die alle zusammen in den gleichen Topf gehören. Dr. Oskar Reichel, der in einer Vorrede zum Katalog mit viel Aufwand für die Neukunst eine Lanze bricht, sagt: „Niemand wollte diese Bilder, trotzdem nahm ich sie zu mir.“ – Es ist erfreulich zu erfahren, dass mit Ausnahme des Dr. Reichel in Wien das Kunstwerke kaufende Publikum sich seinen gesunden Geschmack bewahrt hat. Sieben „Werke“ Kokoschkas wurden aus der Ausstellung entfernt. Jedenfalls waren sie unmöglich. Wie der Katalog besagt, handelte es sich weibliche Akte! – Im ersten Stocke ist eine Gedächtnisausstellung Eugen v. Kahler untergebracht. Kahler ist, noch nicht 30 Jahre alt, 1911 in Prag gestorben. Den Maler deckt das Grab, über seine Bilder sei der Mantel des Schweigens gebreitet. – Es sind bei Miethke stets mehrere Werke großer, älterer Meister zu sehen. Man wendet sich von der Neukunst ab und erbaut sich an einem wundervollen Waldmüller-Porträt, an einem prachtvollen Damenbildnis von Makart und an mehreren Studien von Pettenkofen und Schindler. Im Anblicke dieser Gemälde hat man das Empfinden, als würde einem Verschmachtenden, der sich durch wüste Öden geschleppt hat, plötzlich von der Hand eines edlen Genius ein erfrischender Trank gereicht.
Sch-r.
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Privatsammlung Dr. Oskar Reichel, WienGalerie Miethke, Vienna, 13th–26th Feb. 1913