Tagebucheintrag von Edith Schiele
Courtesy Kallir Research Institute, New York
ESDA ID
3475
Nebehay 1979
Nicht gelistet/Not listed
Bestandsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Ort
Neuhaus in Böhmen (Jindřichův Hradec)
Datierung
11.07.1915 (eigenhändig)
Material/Technik
Tinte auf Papier
Maße
24 x 19,5 cm
Transkription
Sonntag 11. Juli 1915.
Warum ist Egon nur gar so trostlos? – nichts kann
ihm [!] aus seiner jammervollen Stimmung reissen.
Doch er ist auch viel selbst schuld, – er spricht und
denkt sich in eine Trostlosigkeit hinein. –
Die ganze Sache steht garnicht so schlimm, als das
er so verzweifelt tun müßte. – Heute durfte er
||
• B.
fast den ganzen Tag bei mir sein. – Nachmittags
wollte ihn wieder der Jammer der ganzen Zeit
packen, – so gut ich konnte hab ich ihm Mut
zugesprochen, – momentan hat es gewirkt
– doch ich bin neugierig auf morgen – da
wird er wieder der Alte sein.
Heute ist ein herrlicher Sommerabend, – von
irgendwo kommt eine wunder volle Musick [!] –
Chopin, – Meisterhaft gespielt, – meine Stimmung
dann diese gottvolle Musik – es ist zuviel für
meine in Hochspannung befindlichen Nerven.
Ich muß das Fenster schliessen, – ich will nicht hören
wie schön es sein könnte – in unserer Welt.
Wenn sich Egon nur halbwegs hierher gewöhnen
möchte, wäre ich bald die Alte, – doch so überträgt
er seine Empfindung ganz auf mich, – und mir wird
so elend, – der ganze Zustand erscheint mir dann
unerträglich – doch ich muß mich zusammen raffen
und meinen [!] Verstand es abringen, daß es nicht
anders gehen kann.
Warum ist Egon nur gar so trostlos? – nichts kann
ihm [!] aus seiner jammervollen Stimmung reissen.
Doch er ist auch viel selbst schuld, – er spricht und
denkt sich in eine Trostlosigkeit hinein. –
Die ganze Sache steht garnicht so schlimm, als das
er so verzweifelt tun müßte. – Heute durfte er
||
• B.
fast den ganzen Tag bei mir sein. – Nachmittags
wollte ihn wieder der Jammer der ganzen Zeit
packen, – so gut ich konnte hab ich ihm Mut
zugesprochen, – momentan hat es gewirkt
– doch ich bin neugierig auf morgen – da
wird er wieder der Alte sein.
Heute ist ein herrlicher Sommerabend, – von
irgendwo kommt eine wunder volle Musick [!] –
Chopin, – Meisterhaft gespielt, – meine Stimmung
dann diese gottvolle Musik – es ist zuviel für
meine in Hochspannung befindlichen Nerven.
Ich muß das Fenster schliessen, – ich will nicht hören
wie schön es sein könnte – in unserer Welt.
Wenn sich Egon nur halbwegs hierher gewöhnen
möchte, wäre ich bald die Alte, – doch so überträgt
er seine Empfindung ganz auf mich, – und mir wird
so elend, – der ganze Zustand erscheint mir dann
unerträglich – doch ich muß mich zusammen raffen
und meinen [!] Verstand es abringen, daß es nicht
anders gehen kann.
Erfasst in
Vollständige Transkription abgedruckt in:
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Eigentümer*in
Autor*in
Erwähnte Person
Abbildungsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Verknüpfte Objekte
PURL: https://www.egonschiele.at/3475