Tagebucheintrag von Edith Schiele
Courtesy Kallir Research Institute, New York
ESDA ID
3463
Nebehay 1979
Nicht gelistet/Not listed
Bestandsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Ort
Neuhaus in Böhmen (Jindřichův Hradec)
Datierung
29.06.1915 (eigenhändig)
Material/Technik
Tinte auf Papier
Maße
24 x 19,5 cm
Transkription
Dienstag 29. Juni 1915
Jenö Farkas hat mich zur Bahn gebracht
mit Tränen in den Augen von mir Abschied
genommen – ich glaube gar – der arme Kerl
hat sich in mich verguckt. Einen Strauß Rosen
hat er mir mitgegeben, – und ich mußte ihm
versprechen, – einmal an ihn zu denken
– er könnte mich niemals vergessen –
Ja, würde ich nicht meinen [!] Egon so sehr zugetan
sein, ihn nicht so lieben, würde mir Farkas ein
ganz sympat[h]ischer Mensch sein, so aber würde ich
es als Verbrechen betrachten, nur einen ganz unschuldigen
Gedanken Jenö Farkas zu schenken. – Ich habe
Egon und will von allen anderen nichts wissen –
mag die Gefahr noch so groß sein. Und ich weiß
||
daß ich Wiederstandskraft [!] genug in mir habe allen
diesbezüglichen Gefahren zu trotzen, – Egon kann auf
mich bauen.
Heute bekam’ ich endlich Nachricht von Egon, –
nun die Behausung ist hier für ihn fast noch
schlechter als in Prag. – Hoffentlich bessert sich die
Sache bald. Um ½ 3h war ich endlich in Neuhaus bin
im Hotel Central abgestiegen. Um 5h hat mich ein Kind
zu Egon geführt. – Armer, armer Kerl, – in dieser
Kluft – diese Umgebung, – dies furchtbare Wetter
wann wird er wieder Mensch werden können.
Ich staune nur dass er all dies aushält.
Jenö Farkas hat mich zur Bahn gebracht
mit Tränen in den Augen von mir Abschied
genommen – ich glaube gar – der arme Kerl
hat sich in mich verguckt. Einen Strauß Rosen
hat er mir mitgegeben, – und ich mußte ihm
versprechen, – einmal an ihn zu denken
– er könnte mich niemals vergessen –
Ja, würde ich nicht meinen [!] Egon so sehr zugetan
sein, ihn nicht so lieben, würde mir Farkas ein
ganz sympat[h]ischer Mensch sein, so aber würde ich
es als Verbrechen betrachten, nur einen ganz unschuldigen
Gedanken Jenö Farkas zu schenken. – Ich habe
Egon und will von allen anderen nichts wissen –
mag die Gefahr noch so groß sein. Und ich weiß
||
daß ich Wiederstandskraft [!] genug in mir habe allen
diesbezüglichen Gefahren zu trotzen, – Egon kann auf
mich bauen.
Heute bekam’ ich endlich Nachricht von Egon, –
nun die Behausung ist hier für ihn fast noch
schlechter als in Prag. – Hoffentlich bessert sich die
Sache bald. Um ½ 3h war ich endlich in Neuhaus bin
im Hotel Central abgestiegen. Um 5h hat mich ein Kind
zu Egon geführt. – Armer, armer Kerl, – in dieser
Kluft – diese Umgebung, – dies furchtbare Wetter
wann wird er wieder Mensch werden können.
Ich staune nur dass er all dies aushält.
Erfasst in
Vollständige Transkription abgedruckt in:
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Edith Schiele: „Das Tagebuch. ‚Ich werde dieses Buch nicht Tagebuch heißen, – sondern Trostbuch‘“, in: Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918, hrsg. von Kerstin Jesse/Jane Kallir/Hans-Peter Wipplinger, Wien 2025, S. 50–77 (Ausst.-Kat. Leopold Museum, Wien, 28.03.–13.07.2025).
Eigentümer*in
Autor*in
Erwähnte Person
Abbildungsnachweis
Courtesy Kallir Research Institute, New York
Verknüpfte Objekte
PURL: https://www.egonschiele.at/3463