Mittenzwey 1914

Kuno Mittenzwey: „Frühjahrs-Ausstellung in der Münchner Sezession“, in: Deutsche Kunst und Dekoration, Bd. 34, Nr. 8, 1914, S. 87–90
Das ist das Gefährliche in Zeiten, wo der Geist auf der Straße liegt, wo die Diskussion über die Fragen des Geschmacks in einer früher ungekannten Breite geführt wird und tausend Federn sich bemühen, das Allgemeinniveau zu heben : daß wohl mancher in den Stand gesetzt wird, durch bloße Anspannung des Bemühens und des Unterscheidungsvermögens etwas Schickliches zu stande zu bringen, und daß die Grenze leicht undeutlich wird, wie weit einen die Kräfte des Willens tragen und wo ein wirkliches Gestaltungsbedürfnis inneren Erschauens vorliegt. Und bis dann einer sich bis an die Stelle durcharbeitet, wo alles Angenommene als sekundär abfällt und er sich schließlich sich selbst gegenübergestellt findet, bis dahin vergeht leicht ein halbes Menschenleben.
Man mag zu solchen Reflexionen veranlaßt werden, wenn man diese Frühjahrs-Ausstellung durchwandert. Es ist wieder eine jener Ausstellungen, wo man das gute Allgemeinniveau rückhaltlos anerkennen kann. Aber sobald man etwas mehr sagen soll, kommt man in Verlegenheit. Alle diese jungen Leute, die hier teilweise als Debutanten sich vorstellen, haben nicht nur eine tüchtige Menge gelernt, sie wissen auch, worauf es ankommt. Die Aufgaben, die sie sich stellen, bezeugen ihren Sinn für das Wesentliche, und wenn sie nicht bis zu jener Durchgestaltung kommen, die ihnen vorgeschwebt hat, so begnügen sie sich nicht mit einem effektvollen Kompromiß, sondern bleiben ehrlich stecken. – Stellt man aber nun bei der Betrachtung alles zurück, was uns in diesen Bildern an „Problemen der heutigen Malerei“ und zeitgemäßen Reminiszenzen vorgeführt wird, sieht man davon ab, was hier Gauguin und dort Ellipsenkomposition ist, und öffnet man sich ganz naiv dem unmittelbaren Gefühl, ob ein Ausdruck bildstarken Schauens fühlbar uns ergreife – so ist der Gewinn nicht gerade groß.

Es ist hier nicht der Ort, Betrachtungen anzustellen, ob etwa infolge der Neugruppierung, die sich gegenwärtig innerhalb der jungen Münchner Künstlerschaft vollzieht, dieser oderjener weggeblieben sei. Doch mag angemerkt sein, daß die Ausstellung keinen einseitigen Eindruck macht. Es sind ungefähr alle jüngsten Richtungen vertreten, allerdings mit Ausnahme jener extremsten, die heute bereits wieder abgewirtschaftet haben, und die Jury scheint eigentlich ganz weitherzig verfahren zu sein.
Und in diesen versuchenden Vorstößen in eine idealistische Malerei, in so vielfache Sonderrichtungen sie auseinandersplittern, ist wohl das Interessanteste dieser Ausstellung gegeben. Wir nennen so z. B. das Porträt von Leopold Durm, in dem ein kräftiges Herausbringen des Volumens mit feiner Erfassung des Individuellen zur Einheit gebracht ist; die in Van Goghscher Perspektive, aber ohne dessen Unruhe gesehenen Landschaften von Max Bauer-Stuttgart; das Figurenbild von Heinrich Hlavín-Prag. Walter Klemm-Weimar sucht den Figuren, die er in seine „Pferdeschwemme“ und seinen „Weinberg“ stellt, durch absolute Schlichtheit eine ideale Größe zu geben. Die süperbe Dekorationskunst von Egon Schiele-Wien ist bekannt; er ist auf der Ausstellung gut vertreten. Die „Gesellschaft im Garten“ von Georg Walter Rößner ist nicht günstig gehängt; besser kommt er mit seinen schön breit genommenen Holzschnitten zur Geltung. Günther Stüdemann-Berlin überdehnt die Figuren auf seinen religiösen Bildern etwas sehr. – Wir nennen noch Paul Neresheimer und Victor von Belányi, Emmy Angermann-Sandmeier und Marusja Foell-Stuttgart, auf deren eigentümlichen Bildern eine exotisch-dunkle Kraft sich modernster Mittel bedient.
Die Älteren haben es leichter. Sie wissen schon, was sie wollen, und ihre sicher beherrschte Art führt ihnen über Strecken wie von selbst die Hand. Wir nennen hier zunächst Hermann Groeber, dessen so tüchtig gemalte Bilder, in denen wirklich von Dingen der Malerei mit Schlichtheit die Rede ist, der Ausstellung vor allem Wert verleihen. Wie er, ist auch Maria Caspar-Filser fleißig gewesen und beschert uns wieder mehrere Proben ihrer reifen Landschaftskunst. Mit ihr zusammen können wir Heinrich Schröder nennen, der auf seinen Landschaften durch den gegliederten Wechsel des Hell und Dunkel einen außerordentlich reizvollen Rhythmus zu erreichen weiß. Die Namen Goossens und Bloos wollen wir gewiß nicht auslassen, ebensowenig wie Erich Buchwald-Zinnwald und Felix Bürgers. Wir nennen weiter Carl Vinnen, durch dessen zahlreiche Studien man diesmal eine weit bessere Vorstellung von des Künstlers Art bekommt als durch seine zu große Kuh auf der letzten Internationalen, Eduard Baudrexel und Ernst Burmester. Hans Schüz zeigt in seinen Bildern über biblische Themen eine recht glückliche kompositorische Hand, nur geht er in der altmeisterlichen Dunkelung etwas weit und kommt nicht recht über die Studie hinaus.
Ein interessanter, sehr warm vorgetragener Kolorismus steckt in den Blumenbildern von Henry Niestlé. Auch auf dem „Kauernden Pierrot“ von Hans Fuglsang ist die Farbe interessant angefaßt. Eine gewisse Wärme des Vortrags geht auch durch die Bilder von Paul Paeschke, in denen Szenen vom Flugplatz, vom Strande mit geschicktem Blick für das Reizvolle im Flüchtigen festgehalten sind. Von Porträts wollen wir neben den Arbeiten von Kühn jr. insbesondere das kräftig ruhende Herrenbildnis von Curt Nessel-Dresden, so- wie die lebendigen Bildnisse von Ferdinand Herrig-Stuttgart nennen. – Aus der Schweiz schickten Max Burgmeier und Julius Hüther, aus Schweden Emile Zoir.
In der plastischen Abteilung ziehen zunächst die weiblichen Figuren von Alfred Lörcher-Stuttgart die Aufmerksamkeit auf sich, die wirklich aus dem Volumen heraus, gewissermaßen von innen nach außen gestaltet sind. Bernhard Hoetger schickte einen weiblichen Kopf in Goldbronze. Wir erwähnen noch die Büsten von Winter-Heidingsfeld, den recht lebendig hingesetzten jungen Löwen von Hermann Geibel, die Majolikaskulpturen von Fritz Behn und die kleinen Tierbronzen von Wilh. Krieger.
Man scheidet von dieser Ausstellung nicht ganz ohne ein Bedauern. Denn sicherem Vernehmen nach wird sie wohl die letzte Frühjahrs-Ausstellung der Sezession sein, die in dem schönen Bau am Königsplatz zur Schau gebracht wird. Der Staat braucht die Räume für seine Sammlungen. Und es ist noch nicht abzusehen, wo die „Frühjahrs-Ausstellung der Sezession“ im nächsten Jahre ein Heim finden soll.
DR. KUNO MITTENZWEY.

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    Verein bildender Künstler Münchens, München, 03.03.–19.04.1914