Tagebucheintrag von Arthur Roessler
ESDA ID
3512
Nebehay 1979
Nicht gelistet/Not listed
Bestandsnachweis
Wienbibliothek im Rathaus, Handschriftensammlung, Inv. H.I.N. 163772
Datierung
24.11.1910 (eigenhändig)
Material/Technik
Tinte auf Papier
Transkription
24.XI. Vorm.[ittags] bei Rosenbaum [1], um mit ihm die Clichégrößen für die Danhauser-Mono.[grafie] [2] zu bestimmen.
Plötzlich tritt Dozent Dr. Reiner, [3] R’s [Rosenbaums] Schwager ein. Er hatte das Porträt seines Buben Herbert [4] im Auto,
auf m.[eine] Anregung von Schiele gemalt. Dr. Reiner u. Frau, [5] sowie sämtliche Rosenbäume sind ent-
setzt über das Bild. Weder der Dr. noch S. R. [Sigmund Rosenbaum] wollen das Bild – das übrigens sehr schön ist –
aufhängen. Dr. R.[einer] fährt uns in seinem Auto zur Kunstgewerbeschule, wo er die Professoren
Hoffmann, Moser u. Roller [6] um ihre Urteile über das Bild erfragen will. Zuerst bei Prf. H.:
„Ah! das ist ja reizend! fein gezeichnet, u. die schöne Farbe! Das Bild ist das beste bisher
von Schiele gemalte. Ein Kunstwerk.“ „– Aber unähnlich" – sagt Dr. R. „Das ist Ihre, nicht
Schieles Schuld“, antwortet H. „Wenn Sie ein ähnl.[iches] Porträt Ihres Buben haben wollen, müssen
Sie ihn von Pietzner [7] fotografieren lassen.“ Großes Redegeplänkel, in dem R. das große
Wort führt, bis Prf. H. zu mir gewendet sagt: „Sind Sie Herr R-r [Roessler] nicht auch der
Meinung, daß sich R. soeben hier sehr geschadet hat?“ – Er vermag ja nicht zu
sehen, R. sieht nicht, was schön ist, sieht nicht was Kunst ist.“ – Prf. Moser
kommt dazu: „Sapperlot, das ist eine feine Sache. Der Kerl zeichnet brillant u. ist
auch in der Farbe sehr schön geworden; das Bild ist das beste Werk, das ich von
S.[chiele] bisher sah. Muß ähnlich sein. Was sagen Sie? Ob man es in seiner Wohnung
aufhängen kann? Glücklich muß man sich schätzen, es tun zu können. Eine
Ehre müssen Sie sich daraus machen.“ – und beim Weggehen: „Ich danke
Ihnen sehr, daß Sie mir den ausserordentlichen Genuß bereiteten, dieses
Kunstwerk sehen zu können. Ich möchte es gleich besitzen u. wäre froh
darüber.“ – Direktor Roller: „Famos, wirklich schön. Schön gezeichnet, schön
gemalt, schön in den Raum gestellt. Und wie der Bub lebt. Festgehalten in
ei.[nem] ruhigen Augenblick, kann er im nächsten schon wieder losteufeln. Es tut
mir nur leid, daß ich nicht in der Lage bin, mir ein solches Bild von S.
malen zu lassen, da ich es nicht bezahlen kann.“ – Rosenbaum: „Na, da
überschätzen Sie, Herr Direktor eben S. doch zu sehr.“ – Ich: „Herr R., nicht
Schiele überschätzt Prf. Roller, sondern nur Schieles heutige Preise.“ Roller:
„Das Bild muß ähnlich sein, diese Augen sind’s unbedingt.“ – In 10 Jahren
würden Sie das Bild nicht bezahlen können, denn Sch. wird in
10 J.[ahren] zu den ganz Großen zählen. Mich macht nur Eines besorgt: Sch.
kann heute schon so unglaublich viel, daß ich nicht weiß, wohin das
noch führen soll, wo da die Möglichkeit ei.[ner] weiteren Steigerung ist. „Doch
||
nicht ähnlich sagen Sie? Unmöglich! – Ah, also doch, die Augen, auch der u die
Ohren, die Stirn! – Was wollen Sie mehr? Ihren Buben haben Sie im Original,
u. da haben Sie nun ein Bild, das veranschaulicht, wie ein bedeutender Künstler
Ihren Buben empfindet u. sieht.“ –
Und Rosenbaum sagte, an Stelle seines Schwagers würde er das Bild wohl zahlen,
aber nicht annehmen, u. wenn’s darob zu einem Prozeß käme! –
Plötzlich tritt Dozent Dr. Reiner, [3] R’s [Rosenbaums] Schwager ein. Er hatte das Porträt seines Buben Herbert [4] im Auto,
auf m.[eine] Anregung von Schiele gemalt. Dr. Reiner u. Frau, [5] sowie sämtliche Rosenbäume sind ent-
setzt über das Bild. Weder der Dr. noch S. R. [Sigmund Rosenbaum] wollen das Bild – das übrigens sehr schön ist –
aufhängen. Dr. R.[einer] fährt uns in seinem Auto zur Kunstgewerbeschule, wo er die Professoren
Hoffmann, Moser u. Roller [6] um ihre Urteile über das Bild erfragen will. Zuerst bei Prf. H.:
„Ah! das ist ja reizend! fein gezeichnet, u. die schöne Farbe! Das Bild ist das beste bisher
von Schiele gemalte. Ein Kunstwerk.“ „– Aber unähnlich" – sagt Dr. R. „Das ist Ihre, nicht
Schieles Schuld“, antwortet H. „Wenn Sie ein ähnl.[iches] Porträt Ihres Buben haben wollen, müssen
Sie ihn von Pietzner [7] fotografieren lassen.“ Großes Redegeplänkel, in dem R. das große
Wort führt, bis Prf. H. zu mir gewendet sagt: „Sind Sie Herr R-r [Roessler] nicht auch der
Meinung, daß sich R. soeben hier sehr geschadet hat?“ – Er vermag ja nicht zu
sehen, R. sieht nicht, was schön ist, sieht nicht was Kunst ist.“ – Prf. Moser
kommt dazu: „Sapperlot, das ist eine feine Sache. Der Kerl zeichnet brillant u. ist
auch in der Farbe sehr schön geworden; das Bild ist das beste Werk, das ich von
S.[chiele] bisher sah. Muß ähnlich sein. Was sagen Sie? Ob man es in seiner Wohnung
aufhängen kann? Glücklich muß man sich schätzen, es tun zu können. Eine
Ehre müssen Sie sich daraus machen.“ – und beim Weggehen: „Ich danke
Ihnen sehr, daß Sie mir den ausserordentlichen Genuß bereiteten, dieses
Kunstwerk sehen zu können. Ich möchte es gleich besitzen u. wäre froh
darüber.“ – Direktor Roller: „Famos, wirklich schön. Schön gezeichnet, schön
gemalt, schön in den Raum gestellt. Und wie der Bub lebt. Festgehalten in
ei.[nem] ruhigen Augenblick, kann er im nächsten schon wieder losteufeln. Es tut
mir nur leid, daß ich nicht in der Lage bin, mir ein solches Bild von S.
malen zu lassen, da ich es nicht bezahlen kann.“ – Rosenbaum: „Na, da
überschätzen Sie, Herr Direktor eben S. doch zu sehr.“ – Ich: „Herr R., nicht
Schiele überschätzt Prf. Roller, sondern nur Schieles heutige Preise.“ Roller:
„Das Bild muß ähnlich sein, diese Augen sind’s unbedingt.“ – In 10 Jahren
würden Sie das Bild nicht bezahlen können, denn Sch. wird in
10 J.[ahren] zu den ganz Großen zählen. Mich macht nur Eines besorgt: Sch.
kann heute schon so unglaublich viel, daß ich nicht weiß, wohin das
noch führen soll, wo da die Möglichkeit ei.[ner] weiteren Steigerung ist. „Doch
||
nicht ähnlich sagen Sie? Unmöglich! – Ah, also doch, die Augen, auch der u die
Ohren, die Stirn! – Was wollen Sie mehr? Ihren Buben haben Sie im Original,
u. da haben Sie nun ein Bild, das veranschaulicht, wie ein bedeutender Künstler
Ihren Buben empfindet u. sieht.“ –
Und Rosenbaum sagte, an Stelle seines Schwagers würde er das Bild wohl zahlen,
aber nicht annehmen, u. wenn’s darob zu einem Prozeß käme! –
Anmerkungen
[1] Sigmund Rosenbaum, Besitzer einer Druckerei (1867–1945).
[2] Josef Danhauser (1805–1845).
[3] Max Reiner, Chirurg, Orthopäde (1867–1913).
[4] Reinerbub (Bildnis Herbert Reiner), 1910, K P167.
[5] Paula Reiner, geb. Heller (1874–?).
[6] Josef Hoffmann (1870–1956); Koloman Moser (1868–1918); Alfred Roller (1864–1935).
[7] Carl Pietzner, Fotograf (1853–1927).
[2] Josef Danhauser (1805–1845).
[3] Max Reiner, Chirurg, Orthopäde (1867–1913).
[4] Reinerbub (Bildnis Herbert Reiner), 1910, K P167.
[5] Paula Reiner, geb. Heller (1874–?).
[6] Josef Hoffmann (1870–1956); Koloman Moser (1868–1918); Alfred Roller (1864–1935).
[7] Carl Pietzner, Fotograf (1853–1927).
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