Brief von Wilderich Rheinfelder an Arthur Roessler
Wienbibliothek im Rathaus, Handschriftensammlung
ESDA ID
3602
Nebehay 1979
Nicht gelistet/Not listed
Bestandsnachweis
Wienbibliothek im Rathaus, Handschriftensammlung, Inv. H.I.N. 151029
Ort
München
Datierung
27.06.1911 (eigenhändig)
Material/Technik
Tinte auf Papier
Transkription
MÜNCHEN
27/VI 11
Lieber Freund,
Ihnen muß ich
anvertrauen, was ich
um meiner Ruhe wil-
len als strengstes Ge-
heimnis hüte: daß mei-
ne Adresse nämlich
von morgen ab Brixlegg
Tirol (Silberberger
135) lautet. Ja,
„Stuckbauernhaus“ klang
traulicher, aber auch
135 ist ein Schrift-
stellerheim: hier hat
Ludwig Pietsch als
||
Fünfundachtzigjähriger
seine verschnörkelten Ba-
rockperioden gebaut. –
Danhauser erhielt ich
(das Buch soll „lang-
weilig“ sein??) [1] –
auch meinen Geiger
sah ich endlich mit
Freude gedrückt; das
(mir gehörende) Mate-
rial bitte ich um
der ewigen Barmher-
zigkeit willen ja
nicht nach Brixlegg
zu schicken. Hat der
böse Willy 1 Ex.[emplar] der
Publikation erhalten? –
||
Den Abiturenten des Un-
terbewußtseins vermißte
ich in der Juninummer;
ein Artikel von P. von Gü-
tersloh, [2] der eben so gut
um Ihnen sein könnte?
Nach dem was er über
Schiele schrieb, [3] hätte ich
ihn kalten Blutes
morden können; denn
dieser schwefelige Schwulst
ist für einen Schiele
der allergefährlichste
Giftstoff. Daß es nicht
leicht ist mit so ab-
gefeinerter Affektion
durch sprachliche Mittel
||
seine Gedanken zu ver-
bergen, das gebe ich gern
zu; aber Talleyrand [4]
hat’s doch wohl ein
bischen anders gemeint.
Gegenwärtig arbei-
te ich meine „morali-
sche Bigamie“ vollstän-
dig um und ich
fragte die Rosen-
bäume, „ob sie im
Prinzip geneigt wä-
ren“. Daß die Idee
famos ist, können
Sie ja mit reinem
Gewissen bezeugen, und
||
ich wär’ Ihnen dankbar
dafür.
[...]
Mit herzlichstem
Gruß von Haus zu Haus
Ihr alter
WRh
27/VI 11
Lieber Freund,
Ihnen muß ich
anvertrauen, was ich
um meiner Ruhe wil-
len als strengstes Ge-
heimnis hüte: daß mei-
ne Adresse nämlich
von morgen ab Brixlegg
Tirol (Silberberger
135) lautet. Ja,
„Stuckbauernhaus“ klang
traulicher, aber auch
135 ist ein Schrift-
stellerheim: hier hat
Ludwig Pietsch als
||
Fünfundachtzigjähriger
seine verschnörkelten Ba-
rockperioden gebaut. –
Danhauser erhielt ich
(das Buch soll „lang-
weilig“ sein??) [1] –
auch meinen Geiger
sah ich endlich mit
Freude gedrückt; das
(mir gehörende) Mate-
rial bitte ich um
der ewigen Barmher-
zigkeit willen ja
nicht nach Brixlegg
zu schicken. Hat der
böse Willy 1 Ex.[emplar] der
Publikation erhalten? –
||
Den Abiturenten des Un-
terbewußtseins vermißte
ich in der Juninummer;
ein Artikel von P. von Gü-
tersloh, [2] der eben so gut
um Ihnen sein könnte?
Nach dem was er über
Schiele schrieb, [3] hätte ich
ihn kalten Blutes
morden können; denn
dieser schwefelige Schwulst
ist für einen Schiele
der allergefährlichste
Giftstoff. Daß es nicht
leicht ist mit so ab-
gefeinerter Affektion
durch sprachliche Mittel
||
seine Gedanken zu ver-
bergen, das gebe ich gern
zu; aber Talleyrand [4]
hat’s doch wohl ein
bischen anders gemeint.
Gegenwärtig arbei-
te ich meine „morali-
sche Bigamie“ vollstän-
dig um und ich
fragte die Rosen-
bäume, „ob sie im
Prinzip geneigt wä-
ren“. Daß die Idee
famos ist, können
Sie ja mit reinem
Gewissen bezeugen, und
||
ich wär’ Ihnen dankbar
dafür.
[...]
Mit herzlichstem
Gruß von Haus zu Haus
Ihr alter
WRh
Anmerkungen
[1] Josef Danhauser (1805–1845), über den Roessler 1911 eine Monografie publizierte.
[2] Albert Paris Gütersloh (1887–1973).
[3] Wohl: „Versuch einer Vorrede“, in: Egon Schiele von Paris von Gütersloh, Wien 1911, o. S. (Ausst.-Kat. Galerie Miethke, Wien, 24.04.–04.05.1911).
[4] Bezieht sich möglicherweise auf den französischen Diplomaten Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord (1754–1838).
[2] Albert Paris Gütersloh (1887–1973).
[3] Wohl: „Versuch einer Vorrede“, in: Egon Schiele von Paris von Gütersloh, Wien 1911, o. S. (Ausst.-Kat. Galerie Miethke, Wien, 24.04.–04.05.1911).
[4] Bezieht sich möglicherweise auf den französischen Diplomaten Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord (1754–1838).
Motiv
Briefpapier: OESTERR.-UNGAR. GESANDTSCHAFT
Eigentümer*in
Autor*in
Empfänger*in
Erwähnte Person
Erwähnte Institution
Abbildungsnachweis
Wienbibliothek im Rathaus, Handschriftensammlung
Bibliografie
-
Gütersloh 1911Albert Paris Gütersloh: „Versuch einer Vorrede“, in: Egon Schiele von Paris von Gütersloh, Wien 1911, o. S. (Ausst.-Kat. Galerie Miethke, Wien, 24.04.–04.05.1911)
PURL: https://www.egonschiele.at/3602