Brief von Egon Schiele an Oskar Reichel
ESDA ID
388
Nebehay 1979
264
Bestandsnachweis
Verbleib unbekannt
Ort
Neulengbach
Datierung
09.1911 (inhaltlich)
Material/Technik
Tinte auf Papier
Transkription
September 1911.
Neulengbach, Au 48.
Lieber Dr. O. R.! Ich bin wissend geworden; Erde atmet, riecht, hört, fühlt in allen den kleinen Teilen; erwirbt, paart sich, zersetzt sich und findet sich, genießt, was ein Leben ist und sucht die logische Philosophie aller, alles in allem; Tage und Jahre, aller Vergänglichkeiten so weit man denken will und kann, so weit der Spiritus der Wesen mit großem Gehalt ist; sie ist durch unsere Luft, unser Licht zu Etwas oder Vielem geworden, selbst zu Schöpfern, die notwendig sind, und ist zum Teil gestorben, verbrannt in sich, wieder – in sich zurück, und beginnt den kleineren oder größeren Kreislauf, alles, was ich göttlich nennen will, keimt von neuem und bringt und erschafft aus der Gewalt, die wenige sehen, ein Geschöpf. – Die Unvergänglichkeit des Materiellen im Sinne eines Daseins ist bestimmt; ein sicheres Werden und Vergehen, Kommen; Leben, worunter man das unaufhörliche Verwittern verstehen soll, das aber durch organische Mittel zum Leben aufgehalten, ja, bis weithin rückgängig werden kann, so daß es mit diesen Mitteln keinen vollständigen Tod geben kann. – Es war, ist und wird der alte oder neue urgewachsene Geist da sein, – der will, der aus etwas, aus Zusammenkünften, aus Mischungen bringen muß, gebären muß; die eigentliche große Mutter von allen, allen ähnlich, doch vereinzelt, die will und so war, ist und wird der Wille immer aus diesen, unseren unendlichen Mitteln, die mannigfaltigsten Menschen, Tiere, Pflanzen, Lebewesen im allgemeinen erschaffen können, sobald diese Physik da ist, sobald der allgemeine Wille der Welt besteht. Ich habe das unmittelbare Mittel bei mir, das, um niederzuschreiben, einzeichnen kann, um erforschen zu wollen, um zu erfinden, um zu entdecken, mit Mitteln aus mir, die schon die starke Kraft haben, selbst zu zünden, selbst zu verbrennen und zu leuchten wie ein Gedanke, vom ewigen Licht, und zu leuchten in die dunkelsten Ewigkeiten unserer kleinen Welt, die nur aus so wenigen Elementen besteht. – Alle Deckmäntel für uns sind sowieso für nichts, weil sie uns verbergen, anstatt die Sucht haben, zu verweben mit anderen Organen. – Wenn ich mich ganz sehe, werde ich mich selbst sehen müssen, selbst auch wissen, was ich will, was nicht nur vorgeht in mir, sondern wie weit ich die Fähigkeit habe, zu schauen, welche Mittel mein sind, aus welchen rätselhaften Substanzen ich zusammengesetzt bin, aus wie viel von dem mehr, was ich erkenne, was ich an mir selbst erkannt habe bis jetzt. – Ich sehe mich verdunsten und immer stärker ausatmen, die Schwingungen meines astralischen Lichtes werden schneller, unvermittelter, einfacher und ähnlich einem großen Erkennen der Welt. So erbringe ich stets mehr, stets Weiteres, endlos Scheinenderes aus mir, so weit mich die Liebe, die alles ist, auf diese Art bemittelt und mich zu dem führt, wohin ich instinktiv gezogen werde, was ich in mich zerren will, um von neuem ein Neues zu bringen, was ich trotz mir erschaut habe. – Mein Wesen, mein – Verwesen, auf bleibende Werte umgesetzt, muß auf andere stark oder stärker ausgebildete Wesen meine Kraft über sie erbringen, früher oder später, wie eine gläubig scheinende Religion. – Die Weitesten werden mich beachten, Entferntere werden mich anschauen und meine Negativen werden leben von meiner Hypnose! – Ich bin so reich, daß ich mich fortschenken muß. Egon Schiele.
Neulengbach, Au 48.
Lieber Dr. O. R.! Ich bin wissend geworden; Erde atmet, riecht, hört, fühlt in allen den kleinen Teilen; erwirbt, paart sich, zersetzt sich und findet sich, genießt, was ein Leben ist und sucht die logische Philosophie aller, alles in allem; Tage und Jahre, aller Vergänglichkeiten so weit man denken will und kann, so weit der Spiritus der Wesen mit großem Gehalt ist; sie ist durch unsere Luft, unser Licht zu Etwas oder Vielem geworden, selbst zu Schöpfern, die notwendig sind, und ist zum Teil gestorben, verbrannt in sich, wieder – in sich zurück, und beginnt den kleineren oder größeren Kreislauf, alles, was ich göttlich nennen will, keimt von neuem und bringt und erschafft aus der Gewalt, die wenige sehen, ein Geschöpf. – Die Unvergänglichkeit des Materiellen im Sinne eines Daseins ist bestimmt; ein sicheres Werden und Vergehen, Kommen; Leben, worunter man das unaufhörliche Verwittern verstehen soll, das aber durch organische Mittel zum Leben aufgehalten, ja, bis weithin rückgängig werden kann, so daß es mit diesen Mitteln keinen vollständigen Tod geben kann. – Es war, ist und wird der alte oder neue urgewachsene Geist da sein, – der will, der aus etwas, aus Zusammenkünften, aus Mischungen bringen muß, gebären muß; die eigentliche große Mutter von allen, allen ähnlich, doch vereinzelt, die will und so war, ist und wird der Wille immer aus diesen, unseren unendlichen Mitteln, die mannigfaltigsten Menschen, Tiere, Pflanzen, Lebewesen im allgemeinen erschaffen können, sobald diese Physik da ist, sobald der allgemeine Wille der Welt besteht. Ich habe das unmittelbare Mittel bei mir, das, um niederzuschreiben, einzeichnen kann, um erforschen zu wollen, um zu erfinden, um zu entdecken, mit Mitteln aus mir, die schon die starke Kraft haben, selbst zu zünden, selbst zu verbrennen und zu leuchten wie ein Gedanke, vom ewigen Licht, und zu leuchten in die dunkelsten Ewigkeiten unserer kleinen Welt, die nur aus so wenigen Elementen besteht. – Alle Deckmäntel für uns sind sowieso für nichts, weil sie uns verbergen, anstatt die Sucht haben, zu verweben mit anderen Organen. – Wenn ich mich ganz sehe, werde ich mich selbst sehen müssen, selbst auch wissen, was ich will, was nicht nur vorgeht in mir, sondern wie weit ich die Fähigkeit habe, zu schauen, welche Mittel mein sind, aus welchen rätselhaften Substanzen ich zusammengesetzt bin, aus wie viel von dem mehr, was ich erkenne, was ich an mir selbst erkannt habe bis jetzt. – Ich sehe mich verdunsten und immer stärker ausatmen, die Schwingungen meines astralischen Lichtes werden schneller, unvermittelter, einfacher und ähnlich einem großen Erkennen der Welt. So erbringe ich stets mehr, stets Weiteres, endlos Scheinenderes aus mir, so weit mich die Liebe, die alles ist, auf diese Art bemittelt und mich zu dem führt, wohin ich instinktiv gezogen werde, was ich in mich zerren will, um von neuem ein Neues zu bringen, was ich trotz mir erschaut habe. – Mein Wesen, mein – Verwesen, auf bleibende Werte umgesetzt, muß auf andere stark oder stärker ausgebildete Wesen meine Kraft über sie erbringen, früher oder später, wie eine gläubig scheinende Religion. – Die Weitesten werden mich beachten, Entferntere werden mich anschauen und meine Negativen werden leben von meiner Hypnose! – Ich bin so reich, daß ich mich fortschenken muß. Egon Schiele.
Provenienz
Provenienz lt. Nebehay 1979:
Verbleib unbekannt, als Quelle wird Roessler 1921, S. 145-146 angegeben sowie Leopold 1979, S. 5.
Verbleib unbekannt, als Quelle wird Roessler 1921, S. 145-146 angegeben sowie Leopold 1979, S. 5.
Erfasst in
Roessler 1921, S. 145/146; Leopold 1972, S. 5
Autor*in
Empfänger*in
PURL: https://www.egonschiele.at/388